Bangkok besondere Orte jenseits von Sightseeing. In der kleinen Reihe „3 Tage in Bangkok“ haben unsere Autoren ein Programm vorgestellt, das sich teilweise von den üblichen Empfehlungen der Reiseführer und den gängigen Insidertipps unterscheidet. Diese Reihe wird nun fortgesetzt für Besucher, für die Bangkok nicht mehr neu ist. Auch hier werden die Autoren nicht dem üblichen Mainstream folgen. Warum? Wollen sie unbedingt originell erscheinen? Möchte sie den Insider heraushängen und mit aller Gewalt off the beaten track mit Geheimtipps aufwarten, damit sie die Leser bewundern?

Bangkok nicht nur durch die Touristen-Brille betrachten

Nein. Es liegt an der Perspektive. Viele Autoren von Reiseführern und manche der „Kurzzeit-Insider“ lassen ihre Vorverständnisse und moralischen Weltbilder in die Beschreibungen der Orte einfließen. Sie betrachten die Stadt „von außen“. Dem Leser suggerieren sie, was „wertvoll“, „typisch“, „sehenswürdig“ ist und was er andererseits am besten meiden sollte. Zu solchen Bewertungen haben sie natürlich ein Anrecht. Aber damit instrumentalisieren sie ihre Leser, setzen dem Leser eine „Touristen-Brille“ auf, durch die er fortan die Stadt betrachtet, erschweren ihm die Stadt mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben.

Dies kann insbesondere in Ländern mit einem fremden Kulturkreis und einem anderen Wertesystem zu Missverständnissen führen. Andererseits ist jeder Autor, ganz gleich, ob er in Bangkok länger lebt oder nur ab und zu vorbeischaut, in seinen eigenen Vorverständnissen verfangen. Ein Wertesystem der objektiven Wahrheit gibt es nicht. Deshalb verstehen die Autoren dieser Reihe ihre Beschreibungen nicht als alternative Tipps zu den hunderten von interessanten Empfehlungen der Reiseführer. Sie schildern Erlebnisse und Orte, wo sie sich selbst wohlfühlen oder die sie selbst interessant finden. Vielleicht findet der eine oder andere Besucher hieran auch Gefallen. Oder die Anregungen helfen ihm, die „Touristenbrille“ etwas zu lockern und die Faszination dieser schillernden Stadt mit all ihren Seiten, den lichten und den dunklen, selbst zu erleben und zu verstehen.

Bevor ich zu dem hier beschriebenen Ort komme, noch eine Vorbemerkung. Fast alle Farangs, die in Bangkok länger leben, lieben die Dämmerung und die Nacht. Bangkok ist eine Stadt der Nacht. Tagsüber gebärdet sich die Megametropole heiß und schwül, verschwimmt in einer polyfonen Symphonie aus Grau und Hässlichkeit. Erst in der Nacht wird die Stadt zu Grand Dame, grell geschminkt im Glitzerkleid haucht sie ihre Energie aus tausenden Nüstern in die Straßen; erschaut die Träume der Entschlossenen, tröstet die Einsamen, lotst die Schüchternen.

Soi 22, dort wo der Kosmos der Millionenstadt auf eine einzige Straße verdichtet

 

Sukhumvit Soi 22Einfach zu erreichen, von der BTS Prom Pong oder der BTS Asok, beide an der Sukhumvit. Beginnen wir unseren Nachtspaziergang. Gleich am Eingang der Soi gähnt das riesige Holiday Inn Hotel. Gegenüber lärmen offene Bars, jeden Abend spielt in der Otto Bar eine Band. Vielleicht das erste Bier und die Straße beobachtgen? Davor, etwas weiter unten noch auf der Sukhumvit, dampfen Straßenküchen, Chickenreis, Nudelsuppen. Weiter geht’s. Links und rechts kleine Massage Shops, Sie wissen schon „Massage söör, welcome“, Burger, kleine Thai Restaurants, Straßensnacks, alles bunt gemischt. Nachts auf dem Gehweg, aber auch in den Seitensois blinzeln mobile Straßenbars, Menschen-Watching inbegriffen.

Die Titanium Ice Bar in der Soi 22Wer spät dran ist, kann in der Titanium Ice Bar vorbeischauen. Jeden Abend spielt hier eine Damenband. Aber, an sich wäre es schade, seine Zeit in diesem kalten Raum zu verplempern, auch wenn die Ladies hot music erzeugen. Wer es noch kälter mag, erklimmt den Namensgeber und genießt seinen Wodka auf purem Eis in einem leicht unterkühlten Raum von minus 10 Grad Celsius. Der Restaurant-Pub No Idea weiter unten in der Soi zählt zu den besten Restaurants in der Sukhumvit Gegend, das deuten bereits die Preise an. Wer sich traut, kann stattdessen an den zahlreichen Straßenständen schnell einen kleinen Snack einnehmen. Für Nostalgiker, hinter dem Bauzaun auf der linken Seite lag früher der berühmte Washington Square.

Marriott Hotel in der Soi 22Von der früheren Atmosphäre ist noch etwas in der Queen’s Park Plaza zu spüren. Mehr als dreißig old fashion Girlie-Bars konkurrieren hier mit den sportlicheren Schwestern. Barmädchen spielen mit Farangs Billard, helfen ihnen das Trinkregime einzuhalten, once more söör schallt aus allen Ecken. Aber auch Damen in Kostümen bestaunen hier das abendliche Kino. Sie stammen aus der größten Hotelmaschine Bangkoks von gegenüber, dem Marriott Marquis.

Soi 22 Queens Park PlazaWarum besuchen Männer solche Bars? Diese Frage stellte mir unlängst eine deutsche Reiseleiterin, noch frisch in ihrem Gewerbe. Drei Anläufe benötigte meine Antwort, und schließlich gestand ich ein, dass ich es so genau nicht weiß. Ich stellte mir diese Frage bisher nicht. Das ist äußerst beunruhigend, denn westliches Denken braucht Antworten und Gründe, muss einordnen und bewerten. Vielleicht fand die neugierige Dame die Antwort selbst, ohne es zu wissen. Später besuchten wir eine dieser Bars. Ich fragte sie, ob es ihr gefalle: „Es ist hier alles so ungezwungen, alle Besucher sind vergnügt, lachen miteinander“. Und wenn ein Kollege ihr die gleiche Frage stellen wird, was wird sie ihm antworten? Es ist für westliche Menschen nicht leicht, die erträgliche Leichtigkeit des Seins zu beschreiben und noch schwieriger, sie zu akzeptieren und zu leben. Die unerträgliche Seite unserer Existenz steht uns näher.

Fast vergaß ich es, einen Insider-Tipp für Insider, versteckt in einer kleinen Seiten-Soi neben dem Mariott. Zwischenbemerkung: trauen Sie sich ruhig solche kleinen Sackgassen-Sois zu betreten. Hier verbirgt sich in einem Haus ohne Türschild das kleinste Kino Bangkoks, ein cineastisches Juwel, der Friese-Greene Club. Eine Bar mit Kino-Requisiten und angeschlossenem privaten Kino mit 9 Sitzen. Filmemacher, Film-Studenten und Journalisten zusammen mit Filmenthusiasten verbringen dort ihre Abende; jeden Abend läuft hier ein anderer Film der anspruchsvolleren Kinematografie.

Wine bar Soi 22Bevor wir den schillernden Teil der Soi 22 verlassen mit all den Bars, Restaurants, Clubs, Massage Shops, Hotels und Serviced Apartments, noch schnell einen Wein in der kleinen französischen Weinbar Winedepot genießen. Why not, die Tapas hier sind auch nicht schlecht. Jetzt beginnt der hintere Teil der Soi 22, ihre dunkle Seite, weit weg von der schillernden Sukhumvit. Hier ändert die Theaterbühne plötzlich die Kulisse: bröckelnde Fassaden, ungeordnete Häuser, offene Werkstätten, Feuerwehrstation, chaotische Kolonialläden. In Internetcafés schießen Jugendliche an antiquierten Computern auf Weltraummonster. Abgetakelte Frisörsalons schönen die Mädchen. Keine Farangs verströmen an diesem Ort ihr Karma.

Soi 22 rückwärtiger TeilTauchen Sie ruhig ein in die Seitengassen, hier finden Sie das Alltagsleben der Thais. Manchmal flackert an einer Ecke seltsames Licht. Brummende Sprache tönt durch die schwüle Luft. Eine Leinwand überspannt ein Baugerüst, verziert die benachbarten Häuser mit bläulichen Schattenspielen. Das Licht entspringt einem musealen Projektor. Die Zuschauer sitzen auf Bastmatten und starren gebannt auf das cineastische Großereignis. In einer offenen Werkstatt nähen Mädchen die ganze Nacht. Der Deckenventilator behaucht sie mit stickiger Luft. Diffuses Licht schweift über die blassen Gesichter. Am nächsten Tag wird ein lächelnder Inder, smart und klimatisiert, den Vorbeigehenden zurufen „Come in söör, your suit söör in 24-hours“. Die blassen Näherinnen lächeln nicht. Mit ihren kleinen Freuden leben sie in der dunstigen Werkstatt. Ihre unbekannten Kunden mit den großen Freuden logieren in den funkelnden Hotels.

Hochhäuser in der nahen Ferne fressen sich bereits durch die alte Bebauung wie Krebsgeschwüre. Nur wenige Fenster der modernen Wohnmaschinen wagen zu leuchten, starren mit dunklen Augen in die engen Sois hinab. In den Straßen wechseln Licht und Schatten, als flackerte über ihnen eine mit dem Erlöschen kämpfende Flamme. Dann gabelt die Soi 22 in die mondäne Soi 24, von hieraus können Sie zurück zur BTS Prom Pong wandern. In dieser Soi genießen smarte Expats und die mondäne Bangkoker Oberschicht. Vor der Lounge des Davis Hotels trotzen junge Thais mit Cocktails in der Hand ihrem leidgeplagten Dasein. Ihre eleganten Partnerinnen legen die Gebisse frei. Von rot geschminkten Lippen sprudeln Lachsalven in die schwüle Nacht.

Wissen diese jungen Menschen, dass ein paar hundert Meter weiter blasse Näherinnen schuften, die für einen ganzen Tageslohn nicht einmal einen der Cocktails schlürfen könnten? Nein, sie wissen es nicht, genauso wie die Näherinnen nicht die mondänen Bars kennen. Jeder lebt in seiner Welt, diese Welten berühren sich nicht.

Japanese NightlifeEine blau gestrichene Eisenkonstruktion mit einem stilisierten Hummer bedrängt die Straße und verkündet selbstbewusst: „If it swimm, we have it“. Im dazugehörigen riesigen Fischrestaurant lärmen Großfamilien. Kinder sitzen artig an den Tischen und zerlegen gekonnt die Krustentiere. Uniformierte Köche traktieren die toten Fische vor den Augen der Gäste in einer offenen Küche. Manche der benachbarten Sub-Sois eifern mit dem Vergnügungsviertel Shinjuku in Tokio um die Wette. Japanische Restaurants, Karaokebars und edle Massage Parlors locken die Gäste. Japaner in Business-Outfits verleben hier den Feierabend. Vor den Lokalen locken junge Mädchen mit großen Kulleraugen in bunten Kleidern die japanischen Kunden. Westliche Farangs würdigen sie keines Blickes. In manchen Karaokebars sitzen nur zwei Japaner, der eine singt, der andere hört zu. Tausende Japaner wohnen in Bangkok. Auch sie leben in ihrer eigenen Welt, mit eigenen Restaurants, eigenen Clubs und eigenen Blowjob-Bars.

Lange beobachtete ich hier eine alte Frau; Menschenfleisch mit Adern, das wie zerknittertes Seidenpapier glänzt. In einer Baunische brutzelte sie Eier auf einem kleinen, runden Holzofen. Ihre Kunden sind die Sammler; für eine Handvoll Baht retten sie verlassene Flaschen aus Abfallcontainern. Für einen Europäer mögen solche Gegensätze beschämend erscheinen, belästigen sein Gewissen. Für Thais gehören sie zum natürlichen buddhistischen Lebenslauf.

Damals, als viele Stadtteile überschwemmt waren, kehrte ich mit meiner Begleiterin von einem teuren Hoteldinner zurück. An einem Kanal, gleich neben dem Hotel, schob ein alter Mann, bis zur Brust im Wasser, ein selbstgebautes Boot mit Habseligkeiten. Er barg die Sachen aus seinem gefluteten Flusshaus. Ich fragte meine Begleiterin, was dieser Mann denkt, wenn er hochschaut und auf der Hotelterrasse lachende und tanzende Menschen mit Sektgläsern in der Hand erblickt. „Was würde sich an seinem Schicksal ändern, wenn die Paare nicht tanzen würden. Wir sind froh, dass Touristen in diesen schweren Zeiten kommen.“ Ich entgegnete, dass in Europa einige Menschen die Autos der Touristen anzünden und das Hotel mit Steinen bewerfen würden. Sie schüttelte den Kopf:  Warum müsst ihr Farangs euch immer um andere Menschen kümmern, genügt euch das eigene Leben nicht?“

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