Schwimmende Märkte, der Traum alle Bildungsreisenden. Ja, Sie wissen schon, der Floating Market. Und was hat das bitte mit Prostitution zu tun? Beiden gemeinsam ist das Klischee und Vorurteil.

Schwimmende Märkte und Prostitution; die zwei Archetypen eines Thailand-Klischees

Lassen wir es simpel: Klischees und Vorurteile werde aus den eigenen Projektionen gespeist. Oder mit anderen Worten, wir sehen immer nur das, was wir sehen wollen und zu sehen erwarten. Finden wir es nicht vor, dann sind wir enttäuscht. Das letztere gilt insbesondere für die schwimmenden Märkte, die Zierde jedes Reiseprospekts und Programm einer jeden Bildungsreise. Haben Sie sich jemals die folgende Frage gestellt: warum sollten Händlerinnen auf wackeligen Longtails das Gemüse ihren Kunden auf dem Wasser verkaufen, wenn es überall Märkte gibt, die trockenen Fußes begangen werden können? Ja, die Händlerinnen werden den Glasaugen der Touristen diese Freude nicht verwehren, wenn sie die Reisebüros oder Tourismusbehörde gut bezahlen.

Taling Chan Foating Market in Thonburi

Taling Chan Floating Market
Taling Chan Floating Market

Bitte nicht weinen: sollten Sie an einem Wochenende in Bangkok weilen, dann nach Taling Chan Floating Market in Thonburi googeln. Am Pier können Sie entspannt dörfliche Atmosphäre und gutes Seefood genießen. Und das Foto von schwimmenden Händlerinnen für die Lieben zuhause gibt es gratis dazu. Von hieraus können Sie auch preiswerte Ausflüge in die Khlongs unternehmen (kein Privatboot scharten, zu teuer, das allgemeine Boot für 100 Baht reicht). Taling Chan ist am besten mit dem Taxi vom Wang Lang Pier zu erreichen, für Wagemutige auch mit dem Bus. Den von Reisebüros gepriesenen Damnoen Saduak Floating Market, 100 km entfernt, können Sie sich ruhig sparen. Und diejenigen, die noch etwas an dem authentischen Ambiente der schwimmenden Märkte schnuppern mächten, sind in Amphawa gut aufgehoben (von Bangkok in einem Minibus vom Victory Monument gut zu erreichen, 80 km südlich, am Wochenende natürlich).

Khlong in der Nähe des Taling Chan Floating Markets Thonburi

 

So, der Rest des Beitrags bleibt dem Sex und der Prostitution in Bangkok vorbehalten. In bürgerlichen Foren schäumen die Dauerempörten vor Abscheu. Die einschlägigen Seiten über WAS und WO erreichen die höchsten Klickzahlen. Ja, jeder von uns unterliegt dem eigenen Vorverständnis. Feministinnen habe die ihrigen, und natürlich erst recht die Sextouristen, also Touristen, die unterwegs auch noch Sex haben; mit wem auch immer. Und dazwischen schreibt der arme Autor unzeitgemäß; die Schläge von allen Seiten sind ihm gewiss. Also weiter sachlich: Prostitution.

Was alle Prostitution ist, wissen wir nicht so genau

„Vornahme sexueller Handlungen gegen Entgelt!“, vermeldet Wikipedia. Was eine sexuelle Handlung ist, wissen wir natürlich alle. Na ja, auch wenn der deutsche Westentaschen-Robespierre im Rang eines Justizministers hart am feministischen Zeitgeist saugend immer mehr machohaftes Gehabe als sexuelle Handlung der gnadenlosen Härte des Gesetzes unterwerfen möchte. Glückliches ParAber wie sieht es mit dem Entgelt aus? Auch hier hilft die Wiki weiter: eine Gegenleistung (ein Tausch); die Leistung, also die sexuelle Handlung wird entgolten oder vergolten, was aber nicht immer eine direkte Geldzahlung sein muss. Meint Wiki den letzten Satz wirklich ernst? Wenn das so wäre, huch, ein Volk, ein Land, lauter Prostituierte. Der reiche Geschäftsmann und die junge Freundin. Der Chefarzt leiht der Krankenschwester, mit der er nächtens das Zimmer teilte, seine Kreditkarte für die Shopping-Mall und eilt zum Kongress. Der Rock-Musiker bedankt sich bei seinem Groupie mit einem Autogramm auf dem Gesäßmuskel, das die überglückliche Dame stolz den Freundinnen vorführt und ein Jahr lang vom Wasser fernhält.

Sexuelle Handlungen stehen mit einem Entgelt oft in einem engen Kontext

Die gehärmte Ehefrau verlangt von Tennisprofi bei der Scheidung die Hälfte seines Vermögens als Entschädigung für ihre vorherige Zuneigung; der Scheidungsgrund, ein Wäschekammer-Model, verlangt weitere Millionen Unterhalt für sich und die gezeugte Tochter. Das Massage-Mädchen erlöst den männlichen Kunden gegen erhöhtes Trinkgeld vom Blutstau. Der Familien-Papi, ganz Gentleman, revanchiert sich auf dem Hotelzimmer bei der Gogo-Dame mit seinem Organ, das alle Thaimädchen im Bett lieben, falls es nicht bereits von den Chilis zu abgestumpft ist: „thank you I have not finished for long time“, haucht die Beglückte. „Halt, halt, das zählt nicht, er gab ihr ja auch noch 2.000 Baht zum Abschied.“ Der Haar-Fetischist seufzt vor Wonne, während die Friseuse durch seine Haare streift; das dreifache Trinkgeld ist ihr gewiss. „Halt, halt, das geht jetzt wirklich zu weit.“

Sie haben ja so recht liebe LeserInnen, auch ich bin verwirrt von all dem Sodom und Gomorrha. Und wenn ich dann noch an die andersartigen thailändischen Beziehungs-Werte denke, die untrennbar mit materiellen Zuwendungen verbunden sind, dann bin noch mehr verwirrt. Aber Sie sehen ja selbst, wie schwierig es ist, Prostitution zu definieren. Wie so oft verwenden wir Begriffe, von denen wir nicht so genau wissen, was sie eigentlich bedeuten. Und dann steht auch noch die Frage im Raum, ob Prostitution per se etwas Schlechtes ist, oder andersrum gefragt, wem steht für diese Antwort eine Deutungshoheit zu und aufgrund welcher Legitimation? „Ja, aber die Mädchen in den Gogo-Bars, den Massage-Plätzen, den Bordellen werden doch sexuell ausgebeutet, erniedrigt, zu Ware degradiert.“ Werden sie das? Empfinden die Frauen das so, einzelne oder alle? Ja, ja, auch ich kenne die Argumente: wirtschaftliche Notlage, keine Frau würde freiwillig… Können wir als Beobachter darüber stellvertretend urteilen, unseren eigenen Wertekodex zum allein gültigen Maßstab erheben? Ich weiß es nicht. Lange dachte ich über den Satz eines Philosophen nach: „Menschen mit Gewissheit sind Dummköpfe“, und ich denke immer noch darüber nach.

Deutschland als Prostitutions-Weltmeister schlägt das Land des Lächelns um mehrere Längen

Versprechungen in der Soi Cowboy
Wer’s glaubt…

Ein paar Zahlen: nach ungenauen Schätzungen soll es in Thailand 200 bis 250 Tausend Prostituierte geben, wobei wir nicht so genau wissen, wer alles darunterfällt. Nichts Genaues weiß man auch in Deutschland nicht. Die Zahlen variieren hier von 250 bis 400 Tausend. Auch auf diesem Gebiet ist Deutschland Prostitutions-Weltmeister und schlägt das Land des Lächelns um einige Längen. Und einen Unterschied gibt es zusätzlich. Im Gegensatz zu Deutschland stellt Thailand nur fünf Prozent seiner Nachtschönheiten den ausländischen Gästen zur Verfügung. Das ist eine Schande für ein Land mit dem ungewollten Prädikat „Land des Sextourismus“. Der Rest verbleibt den Thais, aber diskret: Hotels mit Nummern in entlegenen Stadtteilen, hotelartige Massage Parlours, exklusive Privatclubs und einfache Dorfbordelle in der Provinz; an Zahltagen ausgebucht, komplette männliche Unisemester stehen Schlange.

Die Reeperbahn ist größer als alle drei Bangkoker Vergnügungsbezirke zusammen

Sex Tourist Namgkok
Foto: Emma

Vielleicht sollte der geneigte deutsche Sextourist das Geld für ein Flugticket sparen und seinen sinnlichen Urlaub künftig in Wanne-Eickel verbringen oder sich gleich auf der Reeperbahn einquartieren. Diese Hamburger Sündenmeile ist immerhin doppelt so groß wie alle drei Bangkoker Vergnügungsbezirke zusammen. Wenn da nur nicht das graue deutsche Wetter wäre und die penetranten Koberer vor den Bars; wie anders sitzt es sich doch von dem Country Road in der Soi Cowboy. Und auch durch die Walking Street in Pattaya können Sie getrost mit Ihrer holden Gattin schlendern. „Bitte Herr Casal, jetzt reicht es endgültig. Wir wissen selbst Bescheid, haben es auf RTL gesehen. Ekelhafte Sextouristen, minderjährige Mädchen, gefallene Engel aus der Provinz, die in jedem zweiten Film oder Roman über Bangkok die Hauptrolle spielen. Und das mit den schwimmenden Märkten ist auch Unfug. Die Reiseführer und Fernsehberichte können doch nicht alle falsch liegen“.

Warum so aggressiv, ich verteidige doch nicht die Sexindustrie in Bangkok, bin nur der Beobachter. „Gut, gut, aber dass die Prostitution in Bangkok und Pattaya mit all den Sextouristen ganz schlimm ist, lässt sich doch nicht bestreiten.“ Ich bestreite ja nichts. Aber eine bescheidene Frage, woher wissen Sie das? Ich weiß es nicht. Natürlich, die Fernsehberichte, Zeitschriften, Blogs. Das Bild setzt sich im Kopf fest wie bei den schwimmenden Märkten, erzeugt Projektionen. Und dann sehen wir nur das, was wir sehen wollen. Denken Sie bitte einmal darüber nach.

Bangkoks vergessene Frauen

Der Einwand mit den Romanen gab mir auch schon zu denken. Warum verewigen die Romane immer nur Frauen, die manchmal mehr verdienen als ein Krankenhausarzt. Warum schreibt niemand einen Roman über Frauen, die für 8 Euro den ganzen Tag auf einer staubigen Baustelle schuften. Sie kommen aus Nordwest-Thailand oder Kambodscha; 10 Stunden auf einer Baustelle, dann werden sie in ein Container-Ghetto gekarrt, tag ein tag aus. Oder über die 7/11 Verkäuferinnen, die für einen vergleichbaren Mindestlohn 24 Stunden hinter der Kasse stehen. Oder über die blassen Näherinnen, welche die ganze Nacht bei diesigem Licht in schwülen unklimatisierten Werkstätten schneidern. Sie wissen schon: „come in söör, your suit in 24 hours“. Denkt die Frau von Welt an diese Näherinnen, während sie ihr maßgeschneidertes Seidenkostüm anprobiert? Kennt sie das Leben der ständig lächelnden dienstbaren Geister in den 5-Sternehotels; 10 Stunden Dienst, 1,5 Stunde Anreise aus einem Vorort oder Provinz, einen Tag in der Woche frei. Nein, es ist besser hierüber nicht zu viel zu wissen. Außerdem, eine solche Story ließe sich sich nicht vermarkten; wer will so etwas lesen oder auf RTL anschauen. Dann doch lieber in der Soi Cowboy recherchieren und nach gefallenen Engeln suchen.

 

2 Kommentare

  1. Vergebliche Mühe. Die meisten Menschen möchten keine Hintergrundinformationen, sondern ihre Klischees bestätigt bekommen. Und wenn jemand etwas anderes Schreibt, was der eigenen Weltsicht entgegenläuft, dann wird nicht auf den Sachverhalt eingegangen und der Autor als Sexist bezeichnet. Und mit solchen Menschen diskutiert man nicht. Bangkok ist eben Sex und Nightlife, voll von ekelhaften Sextouristen.

  2. Wir haben Talin Chan besucht. Ein lohnender Ausflug. Einen Floating Market wie auf den üblichen Bildern kann man zwar nicht erwarten, dafür ist die Umgebung authentisch. Besonders hat uns die Fahrt mit dem Boot auf dem Khlong gefallen. Mit dem Taxi von Wang Lang keine 30 Minuten. Auch die Gassen um dieses Pier mit den vielen Straßenmärkten sind interessant, mitten in der Stadt und keine Touristen.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here