Das Gesicht wahren oder mein erster Arbeitstag in Bangkok. In meinem Business-Kostüm, schwarzer Rock und weiße Bluse, quetschte ich mich zwischen den Menschenmassen im Skytrain. Ich hätte auch das Taxi nehmen können, aber Nipa, die Dame an der Rezeption meines Serviced Apartments, riet ab. Zur morgendlichen Rushhour käme das Taxi nicht vorwärts.

Statt dessen empfahl mir Nipa ein Motorrad-Taxi. Die Vorstellungen in den Abgasen zwischen den Autos zu zirkeln, ließ mich ihren Vorschlag ignorieren. Auch wusste ich nicht, wie ich auf dem Zweirad in meinem engen Rock sitzen soll. Meine Bangkoker Geschlechtsgenossinnen beherrschen diese Kunst perfekt, hocken auf dem Gefährt im Damensitz und tippen dabei noch freihändig in das Handy.
Die Kunst auf einem Motorrad zu sitzen
Motorrad-Taxi in Bangkok
Meine ignorante Angst und die sitztechnische Ungeschicklichkeit habe ich an diesem Tag noch bitterlich bereut. An der Station Sala Deang, die BTS-Haltestelle an der Silom, stieg ich aus. Das Bürohaus meines Auftraggebers lag irgendwo an dieser Straße. Googel-Maps war unbarmherzig, zeigte eine Entfernung von fast 1.5 Kilometern an. Dann doch ein Taxi. Die Silom stand. Dann eben zu Fuß. Ich hatte noch 40 Minuten zu meinem ersten Termin mit dem Chef des Unternehmens. Für eine geübte Joggerin sollte das kein Problem sein, auch bei langsamer Gangart. Nein, es waren nicht meine Damenschuhe mit erhöhtem Stöckelabsatz, die das Gehen zur Qual machten. Die schwüle, heiße Luft erschwerte das Atmen. Einige Schweißtropfen sprangen bereits aus den Poren, benetzten die Bluse. Das Bürohaus lag nicht direkt an der Silom, sondern in einer Seitenstraße, einer Soi, wie diese Straßen heißen. Der Pfeil auf meinem Handy zeigte selbstbewusst an, dass ich mein Ziel erreicht habe; danke Google. Aber wo ist das Bürohaus? Dort, wo ich ein modernes Bürogebäude mit protzigem Eingangs-Schild erwartet habe, gähnten Toyotas aus der Auslage.

Thais wissen immer die Richtung, nach der ein Ausländer fragt

Street food Bangkok

Daneben dampften Straßenküchen; ein Restaurant, zwei Schnellimbisse und ein Laden mit Antikmöbeln leisteten Gesellschaft. Ich gab die Adresse nochmals ein. Google war sich sicher, ich hätte das Ziel erreicht. Der junge Thai in Businessanzug hielt sofort, lächelte zurück: „geradeaus, dann in eine kleine Seitengasse abbiegen“. Na gut, auch Google kann irren. Nach etwa 300 Metern erschien immer noch keine Seitenstraße. Langsam wurde die Zeit knapp. Diesmal war es ein lächelnder älterer Herr, ebenfalls im Bürooutfit. Ich müsste zurück auf die Silom, dann nach links, weiter bis zur nächsten Sub-Soi, dort sollte sich die Adresse befinden. Jetzt war meine Bluse bereits total nass. Wie soll ich damit bei einem Meeting aufkreuzen. Langsam befiel mich Verzweiflung. Also wieder zurück zur Silom und weiter bis zur nächsten Sub-Soi. Nach weiteren 200 Metern gab ich auf und wählte die Nummer der Firma. Eine freundliche weibliche Stimme wollte gar nicht erst aufhören in ihrem muttersprachlichen Idiom zu sprechen. Bis heute weiß ich nicht, wie es mir gelang, sie dazu zu bewegen noch eine andere Dame aufzutreiben. Mit leiser Stimme und gebrochenem Schulenglisch erklärte sie mir, dass ich wieder zurück in die erste Soi müsste und durch den Hof des Toyota-Händlers mein Ziel erreichen würde. Diesmal stimmte die Auskunft. Dreißig Minuten zu spät und patschnass stand ich an der Rezeption des modernen Bürogebäudes, das auch in der Londoner City hätte stehen können.

Ein Termin ist im Geschäftsleben immer nur relativ

Die freundlich lächelnde Dame an der  Rezeption studierte zehn Minuten meinen Pass und gab dann weitere zehn Minuten die Daten in ihren Computer ein. Dann füllte sie fünf Minuten lang ein Formular aus und versuchte vergeblich eine Plastikkarte an meiner klatschnassen Bluse anzubringen. Jetzt war ich bereits 55 Minuten zu spät. Als ich der Sekretärin meines Geschäftspartners erklärte, dass ich einen Termin mit ihrem Chef hätte, entgegnete sie lächelnd, dass ihr Chef noch nicht eingetroffen sei. Aber sie wolle in seinem Terminkalender nachsehen. Nach zehn Minuten kam sie zurück und teilte freudig mit, dass der Kalender tatsächlich einen Termin mit ihrem Chef verzeichnet. Bei dem Termin sei „Vormittag“ vermerkt. Und tatsächlich, nach einer halben Stunde erschien der Chef, es war 11.30, also noch vormittags. Der Chef war somit pünktlich wie es sich für einen soliden Businessman gehört. Später erzählte ich Nipa von den seltsamen Auskünfte der befragten Herren.

„Das Gesicht wahren“ beherrscht das Miteinander der Thais

Nipa lachte und erklärte mir einen wichtigen Aspekt der thailändischen Kultur: das „Gesicht“. In Asien ist die Gesichtswahrung wichtig, das wusste ich bereits. Unklar waren mich aber die Auswirkungen im Alltagsleben. Sie sind so mannigfaltig, dass ein Ausländer, der Farang, sie nie alle lernen und begreifen wird. Meine erste Lektion lernte ich an diesem Tag. Sie lautet: ein Thai kann immer die Richtung oder den Ort angeben, nach dem er gefragt wird. Falls er die Antwort nicht wüsste, würde er vor dem Fragenden sein Gesicht verlieren. Nipa klärte mich noch weiter auf. Thais mögen nicht von einem anderen Menschen etwas Unangenehmes hören und reagieren deshalb ungehalten auf Vorwürfe. Auch das hängt mit dem „Gesicht“ zusammen. Also, wenn der Handwerker das Regal schief anbringt nicht schimpfen, eher loben und dann ihn freundlich bitten, den Neigungswinkel zu ändern.

Das gelungene Geschäftsessen ist wichtiger als ein Meeting

Und ich habe an diesem Tag auch noch etwas gelernt. Wie ich es gewohnt war, legte ich meinem neuen Geschäftspartner einen genauen Projektplan vor. Er verschwendete darauf nur einen kurzen Blick. Bei unserem nächsten Treffen zum Lunch zusammen mit einigen weiteren Managern des Unternehmens sollte ich dann allen Herren einen kurzen Überblick über die bisherigen Ergebnisse geben und den künftigen Projektverlauf mündlich erläutern. Thais sind an Einzelheiten nicht interessiert, nur das Ergebnis zählt. Die übliche asiatische hierarchische Unternehmensstruktur führt nicht dazu, dass nur der Chef einsam entscheidet. Ja, der Chef entscheidet, aber seine Kollegen müssen ebenfalls überzeugt werden; Harmonie ist alles, und am meisten zählt der gelungene Lunch.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here