Chinatown Bangkok bei Nacht
Chinatown

Bangkok Chinatown, weit weg von der Glitzerwelt; hier schlug früher das Herz der Stadt. Den schwachen Pulsschlag spüren die Besucher immer noch in den engen Gassen und verborgenen Winkeln.

Bangkok Chinatown, das frühere Herz der Stadt

Sampeng Lane Bangkok
Sampeng Lane

Der notorisch Sampeng Lane mit seinen quirligen Straßenhändlern, den in Hinterhöfe gequetschten Läden diente in alten Zeiten als Hauptstraße im Gewirr der engen Gassen. An diesem Ort blühte damals der berüchtigte Bangkoker Rotlichtbezirk. Ein schummriges Bordell bedrängte das nächste. Als es noch keine Patpong und Nana Plaza gab, verwalteten die Chinesen das Monopol für die menschlichen Genüsse und Begierden. Solche enge überdachte Seitenstraße warten in der Chinatown an jeder Ecke. Die engen, dunklen Gassen verzweigen zu Labyrinthen. Scheppern, Zirpen, Klirren zeugt von Geschäftigkeit. Menschen mit der aufgesetzten Maske des Alltäglichen bewegen ihre Hände, Beine und Münder nach pragmatischen Konzepten. Sogar das Schlürfen der Haifischflossensuppe ist Notwendigkeit, kein Genuss. Dort, wo die Chinesen über Jahrhunderte leben, assimilierten sie nur ihre Namen. Das Lächeln der Thais und ihre Lebensfreude sind ihnen fremd.

Gold shop Yaorowat road

In der breiten Yaowarat Road protzen geschäftige Goldläden, einer neben dem anderen. Lange rätselte ich über das viele Gold. Ein Mädchen klärte mich auf. Das Edelmetall solle nicht schmücken, sei eine Rückversicherung und Entschädigung, wenn die Liebe des Mannes nachlässt. Aus den alten Markthallen um die Phra Pokklao Bridge bezieht die unersättliche Stadtmaschine ihren Lebensstoff. Wie zu alten Zeiten dienen die Markthallen als Arbeits-, Wohn- und Gebetsraum: Frauen bereiten Speisen, Männer dösen auf leeren Jutesäcken, Mädchen schmücken einen Buddhaschrein mit einem phuang malai, einem Blumenkranz aus gelben Chrysanthemen. In den Straßen um die Docks ist die Bewegung zu Hause. Arbeiter karren die Waren von einem Ort zum anderen, ein ständiges Gewusel. Jedes Erdgeschoss arbeitet, produziert und verkauft; kein soziales Netz engt die Menschen. Die Song Wat Alley stolziert am Fluss entlang. Zweistöckige prachtvolle Häuser mit bröckelnden Fassaden berichten von dem Reichtum der früheren chinesischen Händler. Funktionslose rote Laternen bewachen die Gehwege. Ich stelle mir mandeläugige Schönheiten in langen seidenen Gewändern vor, wie sie in verzierten Rikschas vorbeiziehen und mir geheimnisvolle Blicke zuwerfen.

Azferstehung von Fahrzeugen
Inkarnation

Zu Bergen aufgetürmte angerostete Getriebe, LKW-Achsen und ölige Motorenteile belagern die Quer-Sois zum Fluss, behauchen mich mit ölgeschwängerter Luft. In der untergehenden Abendsonne erzeugen die Eisenhaufen bizarre Muster. Junge Männer, ohne Schutzkleidung und barfuß, zerlegen wie italienische Futuristen die eisernen Reststoffe der modernen Zivilisation. Die Teile stammen aus abgewrackten japanischen Autos, einige kamen auch neueren abhanden. Jetzt wartet das Metall auf seine Inkarnation in der thailändischen Provinz.

Chinatown chinesischer Tempel
Kleiner chinesischer Tempel

Auf verwilderten Grundstücken spielen Kinder. Alte Frauen dösen vor den geduckten Hütten. Knorrige Bäume schmückten ihre Rinde mit bunten Schleifen. In Geisterhäuschen verzehren Phi, die Geister, ihre abendliche Mahlzeit. Der kleine chinesische Tempel dämmert schon im Schatten. Oberhalb des Gesimses winden sich zwei mythische Nagas im Liebesspiel. Die Tür steht offen, kein Laut dringt in den engen Raum. Bärtige Ahnengestalten an den Wänden sorgen für irdischen Reichtum; hier versöhnte der pragmatische Konfuzius die Lehre Buddhas mit der archaischen Seele des Menschen.

…eine Welt, die abgeschieden lebt, wo Zeit keine Eile gebiert, wo dem Heute ein Morgen folgt

Enge Stichpfade führen zu den verfallenden Flusshäusern. Ein älterer Mann mit gegerbtem Gesicht winkt mir zu. Es ist ein Flusstaucher. Mit seinem Sohn sucht er im Schlamm des Chao Phraya nach Schätzen aus vergangenen Tagen. Stolz zeigt er mir die schwere selbstgebaute Taucherglocke, gespeist aus dem Kompressor seines Longtails. Ich müsse unbedingt einen seiner geborgenen Schätze kaufen: chinesische Keramik, alte Münzen, Buddha-Figuren, Amulette. Immer neue Winkel, ich spähe durch die dunklen Fenster, grüße die Flussbewohner, schäkere mit den Flussgeistern. Es ist eine Welt, die abgeschieden lebt, wo Zeit keine Eile gebiert, wo dem Heute ein Morgen folgt. Aus ihren Hütten beobachten die Menschen gelassen und ruhig die tosenden Expressboote, winken in die Objektive, ahnen nicht, dass sie es sind, die vorbeirasen an den Booten. In den Flusshütten klappert Kochgeschirr. Feuerstellen lodern. Die Hochhäuser in der Ferne beflimmern den Strom mit tausenden Lichtern. Der Himmel schwärzte sich, nur einige dunkelrote Wolkenfetzen geben nicht auf, taumeln verlassen umher, spiegeln ihr feuriges Antlitz im Fluss. Bald verschluckt sie die Finsternis.

Über dem Chao Praya
River View Guesthouse

Ich folge dem Schild: Rieverview Guesthouse. Der knarzende Aufzug hält im 8. Stock. Nur wenige Gäste sitzen an den einfachen Holztischen des offenen River Vibe Restaurant. Eine breite Sofareihe durchquert den länglichen Raum. Neben mir bewälzen zwei junge Frauen das Polstermöbel. Es sind digitale Autisten mit Kopfhörern in den Ohren. Stumm bearbeiten sie ihre Handys, haben keinen Blick für den Chao Phraya, den mächtigen majestätischen Fluss. Wie eine vorsintflutliche Schlange hebt er den Kopf, streckt den gewundenen Körper in die Ferne, kriecht durch gezähmte Felder. Die untergehende Abendsonne schlägt ihren glühenden Atem um Wolkenkratzer, taucht den filigranen chinesischen Tempel von gegenüber in ein rötliches Kleid. Eine Treppe höher ein weiteres Restaurants unter freiem Himmel. Von hier aus beobachte ich den Flusslauf mit seinen Biegungen, Tempel, Hochhäuser, die rückwärtige China Town, das hohe Baiyoke Sky Hotel, den Wat Arun in der Ferne.

Die Kanalhäuser spiegeln ihr düsteres Antlitz im dunklen Khlong

Kubistisches Haus am KhlongNur nicht einschlafen, die Wanderung ist noch nicht zu Ende, ich muss zurück. Die Phittaya Sathian Brücke überquert den Phadung Krung Kasem Kanal. Aus Löwenköpfen wachsen weiße Säulen, an denen Jugendstil-Laternen klammern, die schon lange niemand mehr nach einem Lichtstrahl fragte. Im spärlichen Mondlicht schimmert grünlich und verlassen ein halbrundes kubistisches Gebäude. Die Kanalhäuser spiegeln ihr düsteres Antlitz im dunklen Khlong. Kennen deren Bewohner noch die stolzen Erbauer, die wie einst in Venedig ihre schmucken Barken vor den Kanaleingängen parkten? Nein, die Bewohner kennen sie nicht. Thais leben nicht wie die Farangs in der Vergangenheit oder der Zukunft, für sie ist nur die Gegenwart wichtig, des Hier und Jetzt.

Das ehemalige europäische Viertel grüßt den einsamen Nachtwanderer

Nur wenige Meter weiter kommt die Charoen Krung entgegen. Epiphytische Banyan Bäume drängen durch Fenster und Dächer der verfallenden Gebäude, zeigen Lebenskraft. Die geschundenen Fassaden zeugen von der noblen kaufmännischen Herkunft ihrer Erbauer. Das ehemalige europäische Viertel grüßt den einsamen Nachtwanderer. Wie sahen die früheren Europäer aus, wie lebten sie in ihren nicht klimatisierten Häusern? Nur leise, fast schüchtern, flüstern die modernden Steine ihre Geschichten aus einer vergessenen Zeit. Als Teil des ewigen Entstehens und Vergehens leben sie weiter. Sie entgingen dem Schicksal ihrer europäischen Verwandten in Rom, Paris und dem mittelalterlichen Prag. Dort wurden sie zur Vergangenheit verdammt, zum Museum konserviert, des eigenen Lebenshauchs beraubt.

Der Zahn der ZeitNeben der französischen Botschaft löst der Lebenskreislauf eine neoklassizistische Fassade auf. Das Innere des siechenden Palazzos eroberte die Natur zurück, die einst dieser Bau verdrängte. Gräser bewuchern die Fenstersimse, Wurzeln von Bäumen suchen im Dachstuhl nach Nahrung. Schwaches Laternenlicht beleuchtet ein weibliches Gesicht in der Lünette oberhalb des verwitterten Dachgesimses. Das muss die Geliebte des Hausherrn gewesen sein, die er in der fernen Heimat zurückließ und nach der sein Herz fieberte. Die feinen Zeichnungen der Gesichtszüge könnten von Botticelli inspiriert sein. Ein Ingenieur aus Genua soll diesen Palazzo im Jahr 1892 errichtet haben. In dieser Gegend lebten die ersten Farangs, als die Sukhumvit noch vom Dschungel überwuchert war.

ehemalige Zollstation Bang RakGleich bendem Palazzo strebt die frühere Zollstation dem Nirvana entgegen. Hier muss derselbe Architekt zu Werke gewesen sein. Aus den Fenstern lehnen T-Shirts, Arbeitshosen, Jacken und Gummistiefel. Dieser Bau spielte im Film Killing Fields das berüchtigte Foltergefängnis S-21. Auch innovative Modefotografen mögen das Feuerwehr-Gebäude. Bisher trotzt die Feuerwehr von Bang Rak allen Versuchen, den natürlichen Verfall ihres Domizils durch dessen Inkarnation in ein 5-Sterne Hotel zu unterbrechen. Ich nehme die Abkürzung zu meinem Lieblingsrestaurant in dieser Gegend über das alte muslimische Viertel um die Haroon Moschee. Türkisfarbene Holzhütten, die Türen geschnitzt und rot bemalt; enge, verwinkelte Gassen; Vorgärten voll mit Fruchtbäumen. Zwischen den einfachen Holzhäusern locken Stände mit Chicken Mataba und Beef Biryani. Zwischen den einfachen Holzhäusern locken Stände mit Chicken Mataba und Beef Biryani.

Grabsteine Haaron MoscheeDer Friedhof mit den geschmiedeten Bänken und schattigen Bäumen ist außer Dienst, verwahrlost; ein Memento mori der Vergänglichkeit. Nur einige windschiefe Grabsteine mit kryptische arabischen Inschriften halten die Erinnerung wach.Nur einige windschiefe Grabsteine mit kryptische arabischen Inschriften halten die Erinnerung wach. An dieser kleinen muslimischen Enklave knabbert bereits der gefräßige Stadt-Dschungel. Wann werden progressive Developer die Menschen hier an den Stadtrand verdrängen und eine muslimische Shopping-Mall im Stil von 1000 und einer Nacht designen.

das ehemalige BangkokDas Restaurant Harmonique bewohnt ein altes chinesisches Shop-House. Bric-à-Brac Antiquitäten schmücken den Eingang. An den Wänden schlängeln Pflanzen. Orientalische Artefakte blinzeln aus jeder Ecke. Im überdachten Hofbereich besetze ich einen runden kolonialen Marmortisch. So müssen die ersten europäisierten Restaurants der damaligen Farangs ausgesehen haben; hier waren sie unter sich, lebten abseits der Thais, genauso wie die heutigen Farangs in Bangkok.

 

(Dieser Text stammt auszugsweise aus dem Buch „Stille Tage in Bangkok“, von Steve Casal)

 

 

 

 

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