Ein Ausflug nach Ko Kret, die Töpferinsel mitten im Chaopraya. Das Expressboot rast den Chao Phraya entlang. An den Ufern stieren moderne Hochhäuser auf verfallende Holzhütten hinab. Touristen zeigen Mitleid, zucken ihre Handys, knipsen das Pittoreske. Am Ufer produzier sich die neue Thai Heritage Mall. Die Bangkok Post schwelgt über exklusive Geschäfte, neue Restaurants, schicke Bars und einen modernen Blumenmarkt. Nur ein rückständiger Shop-Owner stört die jubelnden Leserkommentare. Er möchte den Charme des Flusses mit den windschiefen Holzhäusern erhalten. Auch wir Farangs lieben die alte Idylle. Aber wer von uns möchte in diesen moribunden feuchten Hütten leben, die jedes Hochwasser überschwemmt? Wer möchte, dass seine Kinder in der vergifteten Kloake schwimmen, anstelle der so putzig und fröhlich lachenden Khlongkinder?

Nonthaburi, so sah Bangkok vor vielen Jahren aus

Fast 40 Minuten dauert die Flussreise nach Nonthaburi, eine Großstadt mit 200.000 Einwohnern in der gleichnamigen Provinz, 25 Km vom Zentrum Bangkoks entfern. Der Pier in Nonthaburi ist die letzte Station des Chao Phraya Expressboots. Unweit vom Pier schreckt das Bang Kwang Central Prison, das berüchtigte Bangkok Hilton. Viele Ausländer vegetieren dort ihre langjährigen Gefängnisstrafen ab, meistens wegen Drogendelikten.

Die Wurzeln der mehrfach verlegten Stadt sind älter als Bangkok. In den Straßen und an den zahlreichen Khlongs läuft das geruhsame Leben einer thailändischen Provinzstadt ab. So sah Bangkok vor vielen Jahren aus. Am Pier von Nonthaburi kündigen die Schilder die Longtail Boote an, welche darauf warten, die hier Ankommenden nach Ko Kret zu schippern; einfache Fahrt oder mit gebuchter Rückfahrt.

Ko Kret, die Töpferinsel mitten im Chaopraya

Karte von Ko KretKoh Kret entstand vor 200 Jahren, als eingewanderte Mon aus Burma eine Flussbiegung durch einen Kanal verbanden. Das Longtail tuckert mit halbem Gas los und wir segeln motorgestützt und laut flussaufwärts wie die früheren Händler auf ihren Weg nach Ayutthaya. Flusslandschaft mit Tempeln und Dörfern zieht vorbei. Von den Ufern wandern kleine Kanäle landeinwärts, verlieren sich im Nichts. Ältere Frauen, ruhig, zeitlos, gelassen, schippern ihren Einkauf in wackligen Longtails zu den angrenzenden Dörfern.

Mon Süßigkeiten auf Ko Kret
Herstellung von Süßigkeiten auf Ko Kret

Die Buddhisten begreifen das Leben als ständigen Wandel, ein ewiges Fließen von Entstehen und Vergehen. Alles Sein ist ein momentanes, es blitzt auf und vergeht gleich wieder. Nur diese Augenblicke, Dharmas, sind wirklich. Westliche Menschen glauben dagegen, es gebe Dauerhaftigkeit und damit Sicherheit und Beständigkeit. Wenn für die Buddhisten ihr Dasein ständig neu entsteht, entfällt für sie die Grundsorge des westlichen Menschen, die Angst vor dem Scheitern. Und die Angst ängstigt sich weit weniger vor der stärksten Urform des Scheiterns, dem Tod. Das mag ein Grund sein für die Ruhe und Gelassenheit dieser alten Frauen.

 

Markt Ko KretDas Boot entert einen kleinen Pier. Von der gegenüberliegenden Kanalseite starrt eine gigantische goldene Buddha-Statue herüber. Verwitterte Holzhütten flanieren entlang des Ufers. In den Restaurants drängeln sich die Hungernden. Stände mit Mon-Süßigkeiten und Töpferwaren buhlen um Aufmerksamkeit. Den gebrannten Ton fertigen Meister ihres Faches. Diese Artefakte werden auch in den Einkaufszentren von Bangkok für ein Mehrfaches des Preises verkauft, den der Tonkünstlern vor Ort verlangt. Besucher können in eine andere Welt eintauchen, Fahrräder mieten, Tempel und Dörfer bewundern, die Ruhe genießen. Ich gehe weiter, verlasse den geschäftigen Töpfermarkt mi all den fremdartigen Süßigkeiten und der kunstvollen Touristenware. Deshalb kam ich nicht her.

Ein Dorf auf Ko KretZugewachsene Seitenwege lotsen mich in versteckte Dörfer, wo die Hütten auf Stelzen balancieren. Riskiere, mein Longtail für die Rückreise zu verpassen. Macht nichts. Alle Wege führen nach Bangkok, warum nicht noch ein kleines Abenteuer erleben. Dorfkinder üben mit Tonfiguren modernes Marketing. Mimose Bäume umschließen wie Trauerflor den Wildwuchs, formen Inseln aus Schatten. Stille schleicht entlang der Hörnerven zur den Rezeptoren. Nur ein verwirrter Hahn missachtet das Silentium, befiehlt mit verrutschter Stimme seinen Harem herbei. Eine aufgeschreckte Ratte verharrt in Schockstarre und flieht fiepend unter Gemüseabfälle.

Zufällig erreiche ich das verlassene Kloster Wat Palelai. Kriechpflanzen belästigen das Dachgesims, umgarnen die morschen Holzstreben. Die schwächelnden Strahlen der untergehenden Abendsonne berieseln eine Buddha-Statue aus porösem Sandstein. Mit europäisch verschränkten Beinen ruht der Buddha auf einer Bank. Ein Elefant reicht ihm mit seinem steinernen Rüssel ein Zuckerrohr. Der zuschauende Affe steuert eine Bienenwabe bei. Es ist eine Allegorie auf die Zeit, als Buddha im Dschungel meditierte und wilde Tieren ihn mit Nahrung versorgten.

Jetzt muss es schnell gehen, Bangkok wartet, vielleicht liegt mein Longtail noch am Pier. Wie eine grell geschminkte Trash-Queen lockt die Stadt der Engel die Lebenssüchtigen, tröstet die Einsamen, verspricht den Unentschlossenen: „Alles ist möglich, nichts unmöglich, Realität oder Möglichkeit, niemand muss sich entscheiden, morgen ist auch ein Tag, der heutige könnte aber dein letzter sein.“

Tipp: Um die Insel führt ein ca. 5 Km langer betonierter Rundweg, ein lohnenswerter Ausflug. Wer einen quirligen Straßenmarkt mit vielen Besuchern erleben möchte, kann das Wochenende bemühen. Wer etwas entspannter durch die Stände schlendern will, ist hier während der Woche besser aufgehoben.

Anreise: Am besten mit dem Expressboot bis zu Endstation Nr. 30 in Nonthaburi. Hier warten schon Taxis-Longtails, etwa 300 Baht pro Person. Wer flexibler sein möchte, sollte das Taxi bemühen. Das fährt für etwa 100 Baht bis zu einem Wat, von wo eine Fähre zur Insel hinübersetzt. Dann mit dem Taxi wieder zurück nach NonthaburI: das letzte Expressboot fährt ca. um 18.40.

 

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