Thonburi besuchen nur wenige Touristen. Steve nimmt Sie mit zu einem Spaziergang in den wenig bekannten teil Bangkoks auf der anderen Seite des Chao Prayas.Den zentralen Sathorn-Pier verstopfen Touristen, schieben einander, bestürmen das Touristenboot und die Regulären. Die Thais warten stoisch. Ich gehöre zu keiner der beiden Gruppen.

Menschen im Expressboot BangkokMit lautem Gepfeife landet das nächste Expressboot. Die Absperrung gegenüber dem Wartebereich ist kein Hindernis, ich kann sie überspringen. Gut, dass nicht nur deutsche Gene durch meinen Körper irren. Die Schaffnerin, das Gesicht weder glücklich noch unglücklich, drängelt durch die Menschenmassen. Ihre Brille baumelt an einer Kette, grapscht nach den Kleidern der Gedrängten. Jetzt kommt Leben in das Gesicht. Bebrillte Augen mustern die Zugestiegenen, keiner soll entkommen. Die runde Metallkassette mit Wechselgeld rasselt, reißt die Tickets. Es ist immer das gleiche Spiel: Ich oder Sie. Mein Blick hält stand, keine Wimper zuckt. Ja, wieder gewonnen. Später spende ich den Fahrpreis von 15 Baht an den nächsten Bettler, verdopple ihn sogar. Mein Karma soll nicht leiden.

East Asiatic Company Building

Das Boot spurtet los. Das Gebäude der Dutch East Asiatic Company blickt im venezianischen Stil spöttisch auf den neuzeitlichen Bau des Oriental Hotels. Der vornehme Author Wing blinzelt verständnisvoll. Moderne Hotels, Einkaufspassagen und Residenzen rasen vorbei. Dazwischen dünkeln Tempel und noch ein wenig altes Bangkok: Reste von verfallenden Holzhütten, der majestätische Wat Arun, der goldene Palast.

 

 

Ein Longtail auf dem Chao PrayaDer Fluss, grau und gram ob der rostigen Eisenkähne und rasenden Longtails, wartet auf die späteren Stunden. Erst in der Nacht kommt seine Zeit, wenn die Flussgeister erwachen, der Wassergöttin Phra Mae Khongkha huldigen, mit den glitzernden Lichtern spielen, das Mondlicht auffangen, die Stille genießen. Am Pier Wang Lang auf der Thonburi Seite der Stadt löscht das Boot die Ladung. Thonburi, das  ist der Stadtteil auf der anderen Seite des Chao Phraya, dort wo Bangkok begann.

 

Si Quey, der mumifizierte Massenmörder

Apa, die Concierge in meinem Serviced Apartment warnte mich. „Der Wang Lang Pier wird von Geistern heimgesucht. Hast du schon von Si Quey gehört? Du kannst ihm im Krankenhaus guten Tag sagen. Sein Geist läuft in der Nacht draußen herum, du solltest vorsichtig sein.“ Diese Warnung nehme ich ernst. Vor Geistern können sich Sterbliche am besten schützen, wenn sie deren Schlafstätte am Tage aufsuchen und ihnen die gebührliche Ehre erweisen.

Apa meinte das forensische Museum im Siriraj Hospital gleich neben an. Dieses älteste Bangkoker Krankenhaus gründete 1888 König Chulalongkorn und benannte es nach seinem Sohn, den die Ruhr vorzeitig vom leidvollen Dasein erlöste. Hier residierte auch der verstorbene thailändische König Bhumibol in den letzten Jahren. Verloren irre ich durch die Labyrinthe der riesigen Krankenhausmaschine. Von allen Seiten strömen Menschen. Die Gesichter der Zivilisten stoisch, dem unabänderlichen Schicksal des ewigen Lebenskreislaufs, Samsara, ergeben. Nur die Uniformierten zwitschern um die Wette, wuseln zwischen den Gebäuden, schieben die Immobilen. Schließlich erlöst mich ein weißer Engel: “Second floor of the Anatomy Building, just in front of you.“

Missgebildete Föten schwimmen in Glasbehältern. Durch ein aufgeschnittenes Gehirn raste eine Revolverkugel. An den Wänden leiden Fotos von Verbrechens- und Unfallopfern wie das eines Mannes, dessen Kopf ein Propeller traktierte. In einer Ecke schreckt die frühere thailändische Hinrichtungsmethode. Der Henker band den Delinquenten an einen Holzpfahl, steckte ihm einen Blumenstrauß in seine gefalteten Hände und fixierte die deutsche Wertarbeit von Heckler & Koch. Der Feuerstoß durch ein Seidentuch beförderte den Übeltäter in eine niedrigere Lebensform. Es ist noch nicht lange her, heute übernimmt das die banale Spritze.

Si Quey

Und plötzlich, in einem weißen Glaskasten, steht er lebensgroß vor mir. Die mumifizierte dunkle Gestalt von Si Quey stiert mich an. Si Quey, mit dem richtigen Namen See Uey, war ein chinesischer Immigrant. Er kam 1944 nach Bangkok, erwürgte mindestens ein halbes Dutzend kleiner Jungs und aß ihre Herzen und Lebern. Auf diese Weise wollte er stärker, gesünder und unsterblich werden. Das Letztere gelang ihm schließlich. Nicht nur westliche Besucher beehren ihn, auch zahlreiche seiner Landsleute bestaunen ihren unrühmlichen Ahnen. Der Pier Wang Lang inhaliert die Menschen, Ankommende wie Abreisende. Nur wenige Touristen beehren diese Gegend. Die Stichstraße am Pier bestürmen Essensstände: Süßspeisen, gesiedete Nüsse, Bananenscheiben in Kokospaste, rundliche Teigtaschen mit bunten Füllungen, Obstmischungen, alles mundgerecht abgepackt. Mit klebrigen Fingern durchstreife ich die Stände. Die Geschmacksnerven liegen blank. In den Seitenstraßen nisteten Kleidermärkte, bunt, laut, eng. Die Mädchen bestaunen den ungewohnten Farang.

Die Amarin Road säumen wie Pariser Boulevards grüne Bäume. So muss das frühere Bangkok ausgesehen haben……..

Die Menschen bewegen ihre Beine bedächtig, langsam, zäh nach vorne fließend. Wohin sollten sie eilen, was würde die Eile am Lebenskreislauf ändern? Die Multiplikation des Nützlichen ist in jedem Stadtteil gleich: 7/11s, Apotheken, Restaurants, Werkstätten. Der erste Blick täuscht. Bangkok ist keine Stadt im europäischen Sinne, entstand nicht aus einem alten Kern. Die Stadtteile folgten der Besiedlung durch ethnische und regionale Volksgruppen, bilden homogene Gemeinden. Und wenn nicht ein ganzer Stadtteil, dann wenigstens eine Straße, die eigenständig und anders daherkommt als die benachbarte.

Ich bleibe vor einer Auslage stehen. Darin warten bunte Särge mit chinesischen Schriftzeichen auf den Inhalt. Die Ladenbesitzerin erscheint in der Tür, mustert meine Gestalt mit kalten, geschäftlichen Augen. Ihre ausgeprägte Hakennase verleiht ihr das Aussehen einer Mamasan: „You need one?“ Düstere Gedanken wabern durch das neuronale Netz. Erst starrt mich der Massenmörder Si Quey an, dann fragt mich eine Mamasan, ob ich einen Sarg benötige. Was kommt als Nächstes? Manche Thais können die Schicksalsaura eines Menschen spüren. Sah sie etwas, was mich bedroht? Vielleicht wollte sie mich nur zu einem Totenritual einladen.

Manche Tempel veranstalten gegen eine bescheidene Spende solche buddhistischen Rituale für Lebende. Menschen, beladen mit schlechtem Karma, steigen in einen Sarg. Mit einem Blumenstrauß in den gefalteten Händen warten sie mit geschlossenen Augen bis ein Mönch den Todesritus zelebriert. Und schon erwacht ein von allem Bösen gereinigter neuer Mensch. Gleich morgen werde ich Apa fragen, ob auch Farangs teilnehmen dürfen.

In einer Unterführung grinsen Poster mit bekannten Hollywoodstars: Charly Chaplin, Marilyn Monroe, Michael Jackson, Madonna. Ist es Zufall oder Absicht? Zwei Inkarnationen des Bösen hängen nebeneinander: der grimmig blickende Adolf Hitler und der größte politische Popstar des zwanzigsten Jahrhunderts, Che Guevara. Erahnte der junge Ladenbesitzer die geistige Verwandtschaft dieser beiden Fanatiker? Auch Che wollte auf dem Rücken von Millionen Toten eine neue Welt erschaffen. Dabei übte er mit einem Revolver schon mal eigenhändig an Gefangenen aus dem alten Regime. Wie eng verläuft manchmal die Grenze zwischen politisch korrekten und unkorrekten Verbrechern. Die Straßenbrücke überquert einen Kanal. Der Khlong Mon flutet über eine alte verrostete Schleuse in den Chao Phraya. Wie Vogelnester haften windschiefe Hütten an den Ufern.

 

Abendstimmung am Khlong
Khlong Mon

Ich steige eine Treppe hinab und entdecke eher zufällig einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern. Hier passt kaum ein Motorrad durch. Von beiden Seiten spähen einstöckige Holzhäuser. Die engen Querkanäle überspannen Betontraversen, daran klammert Blumenschmuck. Epiphyten strebend dem Wasser entgegen. Es ist, als ob ich durch die Wohnzimmer der verwinkelten Häuser ginge: Frauen bereiten speisen, Männer mit nackten Oberkörpern dösen am Boden vor plärrenden Fernsehern, spielende Kinder schreien durcheinander, Haustiere besetzen Möbel. Das Private wird öffentlich, das Öffentliche privat. Voyeure kommen auf ihre Kosten.

 

Khlong Mon, das andere Bangkok

 

Dschungel in Thonburi

Enge Stichwege enden am Khlong. In dem brühigen Wasser bewachen Pflanzenreste das unfolgsame Strandgut. Monotone Gesänge entweichen einer eisernen Pforte, dringen in die Stille. Hinter der hohen Mauer meditiert ein Kloster. Als ob ich durch ein magisches Zeitfenster fiel, in eine Zeit, in der es noch keine Hochhäuser und Straßenlärm die Menschen beglückten. Die Gasse wandelt am Khlong entlang. Wilde Sträucher bewuchern eine freie Passage. Der Trampelpfad kriecht immer tiefer in die grüne Dunkelheit.

Menetekel der Zivilization

Knorrige Bäume, majestätisch und alt, verbergen verfallende Holzhütten vor neugierigen Blicken.An einem Zaun lehnt ein verrostetes Fahrrad, ein Menetekel der Zivilisation. Nur wenig Tageslicht dringt durch das dichte Laub. Matte Lichtstrahlen verwandeln die ineinander verwobenen Äste zu Geisterfratzen, nein, zum Aokigahara Forest, dem Selbstmörderwald am Fuji. Lianen greifen nach meinen Beinen, behindern die panischen Schritte; endlich wieder in der Zivilisation.

Restaurant am Khlong
Restaurant Piern Dee Khlong Mon

Auf dem Rückweg erblicke ich ein Restaurant, „Piern Dee“. Das offene Restaurant grenzt an den Khlong Mon. Zwei Tische bewirten eine Gruppe von Thais. Die Bedienungen wirbeln, mischen den Whiskey mit Soda, befüllen Gläser mit Eiswürfeln. Ignorante Farangs wollen den Bedienungen solche Mühen abnehmen, rühren den Whiskey selber und stürzen damit die Damen in existenzielle Verzweiflung.

Hauser entlang Khlong Mon Ich setze mich an einen freien Tisch direkt am Kanal. Der Wind klönt müde zwischen den windschiefen Baracken. Das verschüttete Licht der Abenddämmerung spiegelt rötlich in den kräuselnden Wellen. Die letzten Khlongboote mit fotografierenden Touristen rasen vorbei. Stundenlang könnte ich den Wellen zusehen, wie sie rufen und antworten, miteinander gehen und vergehen. Auf dem gegenüber liegenden Ufer ziehen zwei Kinder ein Plastikboot durch das Wasser, es klemmt. Ein kleiner Junge rutscht in die brackige Brühe und rettet seinen Schatz. Eine zeitlos gealterte Frau, eingewickelt in ein buntes Tuch, rührt Wäsche in einem Trog.

TomYam SuppeAus dem nahen Kloster wehen die meditativen Abendmantras der Mönche herüber. Die rot gelbliche Tom Yam Talee übertrumpft die gleichnamigen Schwestern in den Stadtrestaurants. Durch den Khlong rasen keine Touristenboote mehr. Die Nacht umschließt die gebeugten Hütten. In den dunklen Fenstern flackern glühende Schatten, gespeist aus den lodernden Feuern der eisernen Woks. Eine Glocke aus Stille verhüllt die Wasserstraße. Der Lärm der Stadt dringt nicht durch.

(Dieser Text stammt auszugsweise aus dem Roman „Stille Tage in Bangkok“, von Steve Casal)

Anmerkung: einen weiteren Sparziergang in Thonburi beschreibt Deborah in 3 Tage in Bangkok, Deborahs Choice

4 Kommentare

  1. Danke für die Empfehlung. Wir haben die empfohlenen Orte besucht, was für ein Unterschied zu der Betonwüste an der Sukhumvit und der Khaosan Gegend. Es war eine ganz andere Welt. So etwas haben wir in Bangkok eigentlich nicht erwartet, obwohl wir bereits dreimal dort waren.

  2. Wunderbare Einstimmung auf meine bevorstehenden Tage in Bangkok, lange nicht dort gewesen. Werde versuchen, auch dorthin zu kommen.

    Grüße
    Rixa

  3. Toller Artikel, kann es sein`, dass der Pier nicht mehr Wang Lang sondern Prannok Pier heisst? Auf Google Maps finde ich keinen Wang Lang Pier sondern eben den Prannok Pier. Bei unserem nächsten Bangkokbesuch möchte ich da unbeding mal hin, ich hoffe das geht auch mit 2 Kindern 4 und 7j? Grüsse Tami

    • Beide Namen werden für das Pier verwendet, bin mir jetzt aber nicht sicher, was auf dem Schild vor den Pier steht, auf meinen Fotos steht noch Wang Lang, aber glaube mich zu erinnern, dass ich diese Jahr dort „Prannok“ gesehen habe.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here