Fahrradtour in Bangkok entlang eines unbekannten Pfads und Khlongs mitten in der Stadt. Es begann mit einem Zufall. Nach einem Spaziergang durch den Blumenmarkt vernahm ich in der Nähe des Saphan Phut Nachtbasars laute Musik. 

Streetbar BangkokDie Schallwellen entsprangen einer Bretterbude. Grelle Lichtblitze bestrahlten junge Menschen auf Plastikstühlen. Eine Party direkt am Fluss. Auf den wackeligen Blechtischen leuchteten bunte Cocktails. Der Geschmack war ungewohnt, aber dafür nur 80 Baht. Sofort war ich von jungen Menschen umringt. Die Damen neugierig, die Männer schüchtern. Zu meiner Überraschung sprachen einige ein verständliches Englisch; freuten sich über meine ersten Thaibrocken. Es waren Studenten. Hatte mich nicht einer meiner früheren Arbeitskollegen gewarnt? „Was willst du dort als Frau machen“, in einer Stadt, die gemeinhin als Männerparadies gilt, war sein unausgesprochener Gedanke. Männerparadies? Das mag manchen Herren so vorkommen. Ich würde die Stadt eher als Frauenparadies bezeichnen. Natürlich nicht für alle Frauen; Geschlechtsgenossinnen mit einem ausgeprägten emanzipatorischen Sendebewusstsein würden hier kein besonderes Verständnis bei den lokalen Damen finden. Nur selten darf ich in männlicher Begleitung meine Getränke oder Speisen selbst bezahlen. Das erlaubt nicht die kulturelle Erziehung der thailändischen Männer.

Die thailändische Macho-Gesellschaft ist ein Paradies für Frauen

Und auch westlichen Bewohner in meinen ständig wechselnden Serviced Apartments haben diese angenehme asiatische Angewohnheit übernommen. In der thailändischen Macho-Gesellschaft steht eine Frau immer im Mittelpunkt. Die Herren hofieren und verwöhnen die Damen. Und wenn ein thailändischer Mann seine Freundin zum Dinner einlädt, ist er überglücklich, dass auch ihre Freundinnen mitkommen, um ihm beim Speisen die Ehre zu erweisen. Bewahren ihn vor der kulturellen Peinlichkeit, das Mahl nur zu zweit einnehmen zu müssen. Und er scheut dabei keine Kosten, ein echter Macho eben. Nur ignorante Farangs glauben, die Freundinnen kommen nur deshalb mit, um auf seine Kosten zu essen.

Um das alles brachte der feminisierte Zeitgeist die westlichen Frauen. In New York trauten sich viele Herren nicht allein zu mir in den Aufzug zu steigen oder ein Kompliment über meine neue Frisur zu äußern. Immer mehr glaube ich, dass im Westen die weibliche und männliche Natürlichkeit verloren geht. Auch die Herren Studenten bedienten mich mit immer neuen Cocktails, ließen nicht zu, dass ich mich finanziell beteiligte. Die Folgen stellten sich nach einigen Runden ein. Die Damen wussten Rat. Am Ende der Straße ein baufälliger Komplex mit Restaurants, dort wartete die ersehnte Toilette.

„Fahrradfahren in Bangkok ist eine der besten Sachen, die man machen kann“

Fährräder in einem Shop BangkokAls ich vorsichtig die Treppe niederstieg, was es dann geschehen. An den Wänden befestigt, in Reih und Glied ausgerichtet, hell beleuchtet; ein Traum. Fahrräder. In keiner Stadt, wo ich länger wohnte, in Zürich, Tokyo, Osaka, New York, aber auch im regnerischen Schottland, kam ich ohne ihn aus, meinen geliebten Drahtesel. Aber, wer würde in dieser riesigen Stadt auf die Idee kommen auf ein Fahrrad zu steigen. An einem Ort mit verstopften Schnellstraßen, Staus, tausenden Pkws, Motorrädern, Taxis, Tuk-Tuks, stinkenden Bussen und Trucks. Der jungen Verkäufer lachte: „Fahrradfahren in Bangkok ist eine der besten Sachen, die man machen kann, man muss nur wissen, wohin man fährt.“ Und er wusste es natürlich, denn er organisiert mit einigen Freunden für Touristen Fahrradtouren in Bangkok. Schließlich erkannte er in mir die notorische Individualistin, der jegliche Gruppenbetätigung seit frühester Jugend Alpträume bereitet. Aber wir kamen doch noch überein.

Fahrrad-Tour BangkokGegen meine letzten Bahts, die ich bei mir hatte, wechselte ein knallrot gestrichenes gebrauchtes Velo den Besitzer. Und als besonderes added value zog er aus der Schublade eine Karte mit interessanten Strecken. Diese Trassen hüten die Tour-Unternehmer wie ihre Augäpfel. Verständlich. Ganz Geschäftsmann überreichte er mir einen Stapel Visitenkarten für meine weniger individualistisch eingestellten Freunde, die sorglos die Geheimnisse Bangkoks auf dem Rücken von Fahrrädern erkunden möchten.

Bangkok ist einer Stadt der Sackgassen

Gleich am nächsten Tag machte ich mit auf den Weg. Der Ausgangspunkt sollte der Lumpini Park sein. Auf der Karte meines Fahrradverkäufers  verband ein geheimnisvoller Strich diesen Park mit dem Benjakitti Park in der Nähe der Sukhumvit. Auch das genaue Studium von Google Maps brachte keine Aufklärung. Dort, wo der Strich verlief, zeigte Google Map weder eine Straße noch einen Weg. Das Endziel lag an der BTS Prom Pong, der Benchasiri Park. Auf zu der Drei-Park-Tour. Zu dieser Zeit wohnte ich in der Nähe der BTS Ari. Ein kurzer Blick auf die Karte und los geht’s: zunächst zum Victory Monument, dann Richtung Pratunam und über Seitenstraßen zum Lumpini Park. Hätte ich nur länger die Karte studiert.

Victory Monument BangkokAllein die Anfahrt zum Victory Monument über eine breite verkehrsreiche Straße war eine Qual. Die meiste Zeit zirkelte ich zwischen den Fußgängern auf dem Gehweg. Irgendwie schaffte ich es über etwas weniger befahrenen Straßen den Pratunam Markt zu erreichen. Jetzt studierte ich Googel Maps gründlicher und erkannte eines der Geheimnisse Bangkoks: das Mysterium der Straßenplanung. Die Lösung ist simpel, es gibt keine Planung. In allen anderen Städten, wo ich bisher pedalte oder per pedes unterwegs war, genügte es  die Richtung zu bestimmen. Über kleinere Umwege kam ich immer zum Ziel. Das geht in Bangkok nicht. Die heutigen breiten Straßen, die Bangkok durchqueren, sind meistens zugeschüttete frühere Khlongs. Die kleineren Seitenstraßen, die Sois, enden meistens als Sackgassen. Das ist auch der Grund für die ewigen Staus, denn die Hauptstraßen lassen sich nicht umfahren.

Saen Saep KhlongBereits jetzt zeigte sich, wie recht mein Fahrradverkäufer hatte. Mit einem Fahrrad sind Sackgassen kein Problem. Ich kann umdrehen, eine andere Verbindung versuchen, bis der richtige Weg auftaucht; zu Fuß wäre dies eine Qual. Nach einigen Irrfahrten im Soigewirr am Saen Saeb Kanal gelang es mir den Lupini Park zu erreichen. Hier die erste Erfrischung; wie schnell lässt sich mit dem Velo jede Ecke des Parks erkunden. Aber gleich kam die kalte Dusche. In meiner Karte ist die eigentliche Radtour an einer Ecke des Parks als Fortführung der Sarasin Alley eingezeichnet. Von der breiten Querstraße gibt es keine Abbiegung. Ich radelte hin und her, nichts.

Es gibt ihm; ein versteckter Pfad, der den Lumpini Park mit dem Benjakitti Park verbindet

Dörfliche Idylle in Bangkok
Dörfliche Idylle unweit der Sukhumvit

War mein Radverkäufer doch nicht so großzügig und wollte die Radelgeheimnisse für sich behalten? Enttäuscht wollte ich umdrehen. Über mir verlief eine Überführung, die ich zunächst für eine Autobrücke hielt. Dann kam sie mir doch irgendwie zu eng vor. So stellte ich mein Gefährt ab, stieg eine steile Treppe hinauf. Und dann war er plötzlich da, der geheimnisvolle Pfad.

 

Fahrradtour Bangkok
Versteckter Pfad

 

Bangkok, eine Stadt der vielen Gesichter

Seitenstraßen SukhumvitLinks und rechts, unter mir, enge verwinkelte Gassen mit verwitterten Holzhütten, buntem Straßenleben, wilder Vegetation, spielenden Kindern. Dazwischen leuchtet eine Moschee mit grüner Kuppel. Weiter; nur gelegentliche Fußgänger und Jogger kamen entgegen. Plötzlich erschien ein Kanal. Bäume und Sträucher bewachsen die Ufer. Dazwischen verstecken sich vereinzelte Hütte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass nur wenige Meter hinter der Sukhumvit eine dörfliche Idylle wartet. Immer wieder überrascht mich dieses Phänomen; eine Stadt mit vielen Gesichtern.

Abendsonne Benjakiti parkUnd dann ist er auch schon da, der Benjakitti Park; 24 Hektar groß. Jogger auf ihrer Abendrunde. Pärchen halten schüchtern Händchen. Die untergehende Sonne spiegelt in den nahen Hochhäusern, wirft feurige Lichtschneisen in den länglichen See. Ein Schild verkündet „rent bicykle, 50 Baht per hour“. Ich freue mich schon auf das nächste Mal. Dann werde ich die knappen zwei Kilometer zwischen beiden Parks auch zu Fuß begehen, in die kleinen Seitengassen eintauchen, die Quergassen durchstöbern. Ich überquerte eine breite Schnellstraße und erreichte über enge Seitengassen die lebhafte Soi 22; unzählige Bars, Restaurants, kleine Oil-Massage Shops.

Weinbar in der Soi 22Plötzlich, wie aus heiterem Himmel. Vor einem Lokal mit Weinfässern flatterten mir einige Worte in Französisch entgegen, meiner Lieblingssprache. Tatsächlich, ein französisches Weinlokal. Eine Runde fröhlicher Menschen parliert und umringt Ben, den französischen Besitzer des „Wine Depots“. Meine Drei-Park-Tour endet hier abrupt, mutierte zu Zwei-Park-Tour mit Wein. Später erreichte ich zwar noch mein Endziel, den Benchasiri Park. Das Tor war bereits verschlossen. Nachtnebel stieg aus dem See, verschluckte die schnatternden Enten. Dann eben ein anderes Mal mit einem weiteren Abstecher zu meinen neuen französischen Freunden. Aus der BTS beobachtete ich mit glasigen Weinaugen das Lichtermeer der nächtlichen Sukhumvit. Ein gelungener Ausflug.

Hier ist die Karte des Ausflugs

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