Jes Sip Rai, der Khlong Toye Slum. Ein Blick hinter die Glitzerwelt von Bangkok. Dort, wo die Menschen jeden Tag ein neues Leben, ein neues Glück finden. Auf meine Spaziergänge gehe ich am liebsten allein. Die verborgenen Winkel, die Düfte, die Geräusche, dulden keine Mitwisser. Heute habe ich gute Laune, und Bogdan will mich begleiten.

...„Weißt du, es existiert keine Sicherheit von außen…“

Apa, die Concierge meines Serviced Apartments, stellte mir Bogdan erst vor einigen Tagen vor. Der aufgeschlossener junger Serbe, 30 Jahre alt, gehört zu der Zunft der modernen digitalen Nomaden. Er arbeitete früher beim staatlichen Fernsehen als Spezialist für Videoanimation. Daneben entwarf er Animationen für Firmenwebsites. Bogdan studierte die Karrieren und die Lebensentwürfe seiner älteren Kollegen und entschloss sich, sein Leben künftig ungeplant fortzusetzen. „Weißt du, es existiert keine Sicherheit von außen. Nur das, was man kann, wofür man offen ist, gibt einem die Sicherheit fürs Leben. Und diese ist an keinen Ort gebunden.“ Eine bemerkenswerte Lebensphilosophie für einen erst Dreißigjährigen.

Khlong Toey Market, der größte Frischmarkt in Bangkok

Khlong Toey Fresh MarketWir begehen die Soi 22 und erreichen in der Rama IV den Khlong Toey Market, den größten Frischmarkt in Bangkok. Alles, was wächst, fliegt, schwimmt, läuft, kriecht, wird hier zum Lebensmittel. Fische üben Schnappatmung, springen aus den Körben, zappeln zwischen den Gemüseresten. Die Besitzer lassen sie nicht lange gewähren. Halbtote Frösche und Hummer erwarten ergeben ihr unbarmherziges Schicksal. Vor den prüfenden Blicken der Connaisseurs zerlegen Messerkünstler stilvoll Hühner und Schweine. Bald wird das Getier seine finale Bestimmung in den Kochtöpfen der Hausfrauen, Restaurants und Suppenküchen erfüllen. Alles ist so frisch, dass Kühlung reinster Luxus wäre.

Garküchen, Chefkochs und Schwärme von Fliegen laufen zur Höchstform auf

Khlong Toey Market GemüseDie Körbe stapeln buntes Gemüse und exotische Gewürze. Sehnerven kämpfen mit Geruchsnerven um den besten Logenplatz. Garküchen, Chefkochs und Schwärme von Fliegen laufen zu Höchstform auf. Touristen werden zu Vegetariern. Das Leben im Markt erwacht bereits gegen 2 Uhr früh, die Bauern und Fischer karren frischen Nachschub herbei; ein lohnendes Ziel für Nachtbummler oder Jetleg-Geplagte. Gegen Abend erlahmt der Markt, ruht aber nie.

Neben einem Gemüsestand besetzen wir zwei Hocker. Die Verkäuferin belacht uns mit ihrer rötlich gefärbten Zahnruine. Die Betelnuss war der Missetäter. Ich zeige auf die Suppenküche nebenan; aus den Zellophantüten können wir nicht speisen. Die Alte kennt die Lösung. Sie kramt aus einem Korb zwei Plastikteller und Löffel hervor, verreibt mit einem Tuch den Staub und serviert fachfrauisch zwei Suppen vom Suppenstand. Dazu spendiert sie uns ein paar Gemüseblätter. Bogdan stochert ungläubig in der Suppe herum. Es ist seine erste Streetsoup.

Fleischverkauf im Khlong Toey Markt„Enjoy your soup.” Wie aus dem Nichts steht ein junger Mann vor uns, gekleidet in eine altmodische dunkle Hose und ein helles Hemd. Er ist etwa so alt wie Bogdan. „Mein Freund hier hat diese Stadt zu seinem neuen Lebensabschnitt erwählt, und ich möchte ihm den Anfang der Nahrungskette zeigen. Er kennt bisher nur deren Ende, die schicken Restaurants an der Sukhumvit.“ Der altmodische junge Mann betrachtet uns schweigend. Sein Blick wandert von einem zum anderen.

„Seht ihr die zwei Männer dort drüben, die gerade Schweinehälften abladen? Diese Männer bilden den Anfang der Nahrungskette. Sie arbeiten in den Schlachthöfen von Khlong Toey und wohnen in Jet Sip Rai. Dort müsst ihr euren Anfang suchen. Übrigens, ich heiße Josua, meine Freunde nennen mich Franky, und ich arbeite für das Mercy Center.“ Franky sieht mich mit seinen durchdringenden Augen fragend an. „Sie arbeiten für Father Joe und schlagen vor, dass ein Neuankömmling seine Stadttaufe im größten Bangkoker Slum bekommen sollte?“ Franky lächelt zum ersten Mal.

Jet Sip Rai bedeutet 70 Rai, es ist ein Flächenmaß, 8 Hektar. Der Slum erstand vor 50 Jahren als Wanderarbeiter aus dem Isaan und Nordthailand den Hafen ausbauten. An die 100.000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Father Joe, mit richtigem Namen Joseph Maier, ist ein katholischer Redemptorist Priester. Er kümmert sich seit mehr als 40 Jahren um die Slum Kinder. Sein Mercy Center betreut auch AIDS-kranke Waisenkinder bei ihrem langsamen Sterben.

Jet Sip Ray, wo die Menschen jeden Tag ein neues Glück finden

Khlong Toey Slum„Kennen Sie Jet Sip Rai, fragt Franky. „Ich war noch nicht in Jet Sip Rai und besuche gezielt keinen Slums, obwohl ich bei meinen Wanderungen schon mehreren begegnet bin, entlang der Bahngleise, an entlegenen Khlongs und auch hier, gleich am benachbarten Kanal.“ „Und was haben Sie dabei empfunden?“ Jetzt schaue ich ihm lange in die Augen. Er hält dem Blick stand.

„Sie meinen, als ich die verschmutzten Kinder mit ihren großen Kulleraugen in zerrissenen Leibchen sah? Und die ausgemergelten halbnackten Männer mit San Yak Tattoos, die vor ihren verfallenen Hütten in Dreck vegetieren? NICHTS, so wie ich nichts Besonderes empfinde, wenn ich in einem noblen Restaurant ein Essen zu einem Preis serviert bekomme, von dem zehn Slumfamilien einen Monat lang leben könnten.“

Jet Sip Rai, der Khlong Toey Slum„Wollt ihr mich nach Jet Sip Rai begleiteten?“ „Wenn Bogdan möchte, gerne.“ Bogdan nickt verwirrt. Er verstand unseren Dialog nicht. Franky ist der Sohn eines Rabbiners aus Brooklyn. Sein Freund arbeitete bereits mehrere Jahre bei Father Joe. Franky übernahm jetzt seine Stelle. Er betreut neue Kindergärten in den Bangkoker Slumgebieten, die Waisenkinder oder ausgesetzte Kinder beherbergen. Wir stolpern durch verwinkelte Gassen mit drängelnden Menschen. Abfälle flattern auf dem heißen Asphalt. Unrat bewohnt die Häusernischen. Es ist die natürliche Patina der Lager, der Geschäfte und der Markthallen. In dieser Gegend regiert die Drogenmafia. Einige der gefährlichsten Amphetamin-Mischungen werden hier zubereitet.

An einem Kanal begegnen uns zwei längliche Gebäude, hohe Mauern schützen die Passanten vor ihren Blicken. Franky zeigt in diese Richtung. „Das hier sind die berüchtigten Schlachthäuser von Khlong Toey. Arbeiter erschlagen Tag und Nacht die Schweine mit Eisenhämmern. Schweine sind intelligente Tiere, spüren ihr Schicksal. Und sie sind auch Stoiker, wissen genau, dass ein Fluchtversuch zwecklos wäre.

Übrigens, in den Schlachthöfen arbeiten meistens Vietnamesen. Buddhisten ist das Töten von Tieren untersagt. Aber wenn das Tier schon tot ist, warum sollten sie es nicht auf eine sinnvolle wie angenehme Weise dem Lebenskreislauf wieder zuführen. Viele der Arbeiter sind drogenabhängig. Nur unter Drogen können sie eine solche Arbeit verrichten.“

…Welcome to the Bangkok Slaughterhouse

Mercy Center Jet Sip RaiWir kommen am Mercy Center vorbei. Franky sagt uns, dass Father Joe nicht anwesend ist. Wir könnten ihn ein andermal besuchen. Joe Maier ist mit seinem Lebenswerk bereits zu einer Legende geworden, auch wegen seines Buches Welcome to the Bangkok Slaughterhouse. Darin erzählt er Geschichten über die in Jet Sip Rai lebenden Menschen und Helfer; wie von dem an einen Rollstuhl gefesselten alten Mann, der sich von der Hoffnung nährt, den nächsten Tag noch zu erleben. Er berichtet von Menschen, die ihr tägliches Glück suchen und finden.

Es sind Geschichten über Drogen und AIDS, traurige und lustige; über Kinder, die von klein auf selbständig auf der Straße zu überleben lernten, wie die Geschichte von den vier kleinen Waisenkindern. Die Kinder erfuhren, dass im Dusit Zoo ein Elefantenbaby ankam, dessen Mutter Wilderer getötet haben. Sie schwänzten die Schule, legten ihr weniges Geld zusammen und machten sich mit einem Tuk-Tuk auf den Weg in den Zoo. Dort fanden sie das Elefantenbaby und sagten zu ihm: „Wenn es dir gelingen sollte aus dem Zoo zu fliehen, wir werden uns um dich kümmern.“

…Bilder von einer romantischen Idylle bis zum tiefsten Elend

Hütten im Khlong Toey SlumJet Sip Rai ist von einer Mauer umgeben, nur enge Durchgänge führen in den Slum. Motorradtaxis warten auf Kunden. Alte Frauen verkaufen Chips und Softdrinks in Bretterbuden. Kinder rasen auf Rollern durch die engen Gassen, vorbei an Blechverschlägen und bunt bemalten Hütten. Behausungen überqueren auf Stelzen das brackige Wasser der Kanäle. Aus Fernsehern plärren thailändische Seifenopern.

In windschiefen Geisterhäuschen flackern die Kerzen wie Lebenslichter, stimmen die Hausgeister gnädig. Hier wohnen die Menschen dicht an dicht. Auch in Baumhäusern leben Menschen. Viele der Slumbewohner sind drogensüchtig, die Kriminalitätsrate hoch. Die Herren in Braun lassen die Junkies gewähren, betreten nur selten diese Welt.

Jeden Fotografen springen tausende Motive an, von einer romantischen Idylle bis zum tiefsten Elend. Jeder kann hier die Welt entdecken, die er sehen möchte, die er zu sehen erwartet. Es sind Bilder, wie sie auch in anderen Gegenden zu sehen sind, aber dort verbindet sie unser Gehirn nicht mit einem Slum; selektiert das dörflich pittoreske.

„…das Morgen ist nicht versprochen, das Heute gehört jedermann“

Frankis Gesicht nimmt wieder melancholische Züge an: „Father Joe übersetzte mir einmal den Satz eines kranken Mannes: Wir haben hier kein frisches Wasser, wir wissen niemals, was morgen sein wird, wir waren früher ängstlich, jetzt leben wir, jeden Tag finden wir ein neues Leben, ein neues Glück. In einer Kultur, die besessen ist von Genuss, Schönheit und Luxus gelingt es diesen Menschen, ihr kleines Glück in der Unsicherheit und Ungewissheit des täglichen Lebens zu finden. Das Gestern entstand ohne Berechtigung und das Morgen ist nicht versprochen, das Heute gehört jedermann.“

Eine fast zahnlose Frau mittleren Alters zeigt auf ihr Warenangebot: abgepackte Snacks, Süßigkeiten und Softdrinks. Franky und ich besetzen zwei klapprige Holzstühle. Bogdan fläzt seinen Körper in einen löchrigen Autositz, aus dem die Sitzfüllung quillt. Zwei Kola-Dosen und eine zerknautschte Tüte mit Chips finden den Weg auf unseren Tisch. Die Geschäftsfrau zaubert eine Flasche Bier herbei, lässt ihr zahnloses Lächeln kreisen und drückt das Bier Bogdan in die Hand. Offensichtlich sitzt er auf einem VIP-Platz. Sofort umringen uns Kinder.

Die Inhaberin stellt ein abgeblättertes Gestell vor mich. Es ist ein Tic-Tac-Toe Spiel, das auch die Barmädchen mit ihren Kunden spielen. Sie legt ein paar Süßigkeiten auf den Tisch. Ihren Gesten entnehme ich, dass ich mit den Kindern um die Süßigkeiten spielen soll. In vierzig Minuten verspielte ich alle Süßigkeiten auf dem Tisch und die restlichen im Laden, was mich äußerst ärgert. Nicht wegen der Süßigkeiten, die vergönne ich den Kindern, ich verspiele nicht gern, auch nicht gegen Slumkinder.

Die Kinder teilen die Süßigkeiten und laufen lachend davon. Ein etwa zehn Jahre altes Mädchen dreht sich um, kommt zurück, packt eine Süßigkeit aus und steckt sie mir in den Mund. Es war das Mädchen, welches mir die meisten Niederlagen bereitete. Sie schaut mich mit ihren Kulleraugen eine Weile an, prüft mit ihren Fingern auf meinem Handrücken, ob die weiße Farbe echt ist und läuft kreischend den anderen Kindern hinterher.

...“warum willst du die Computer besorgen?“ … „Einfach, weil ich es kann.“

„Ich hoffe, dass Sie Ihren Freund demnächst zu unserem Center begleiten. Er hat einige kreative Ideen, von wo er gebrauchter Computer bekommen könnte. Und er hat versprochen, für die Kinder kostenlose Computerkurse zu organisieren. Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns über das Leben im Allgemeinen und im Besonderen unterhalten. Das hier ist der lebendigste Platz auf der Welt, er lässt mich jeden Tag fühlen, dass ich lebe. Das Einzige, was ich hier manchmal vermisse, ist die intellektuelle Kultur. Bangkok ist keine Stadt für so etwas.“

Wir verabschieden uns von Franky. „Ich komme gerne, mache mir aber keine Illusionen, dass ich gegen einen in Talmud geschulten Gesprächspartner nur die geringste Chance haben werde wie gegen das kleine Mädchen beim Tic-Tac-Toe Spiel.“ Jetzt lächelt Franky das zweite Mal. Mädchen auf MotorradWir verlasen den lebendigsten Platz der Welt in die nicht minder lebendigen Straßen von Khlong Toey. Bogdan winkt zwei Mädchen nach, die uns auf ihrem Motorrad überholten und sich nach ihm lachend umdrehten. „Siehst du, das war das typische all-the-sex-you-want-smile, dem du hier jeden Tag ausgesetzt sein wirst“, sage ich zu ihm. „Ich weiß, es ist wie in einem Haus mit offenen Türen. Du musst durch sie nicht hindurch gehen, aber sie stehen ständig offen.“ „Übrigens, warum willst du die Computer besorgen?“ Bogdan überlegt nicht lange: „Einfach, weil ich es kann.“ Trotz seines jungen Alters hat er schon viel vom Leben begriffen.

(Dieser Text stammt auszugsweise aus dem Buch „Stille Tage in Bangkok“ von Steve Casal)

 

2 Kommentare

  1. Hallo Steve, der Artikel mit den Waisenkindern hat mich ziemlich berührt. Ist es möglich Jet Sip Rai zu besuchen und ist es nicht gefährlich?

  2. Hallo Reisefee, etwas spät aber doch. Jet Sip Rai kann man besuchen und es ist auch nicht gefährlich, zumindest tagsüber. Ich bin aber etwas gespalten, ob man dies tatsächlich tun sollte. Die Menschen leben dort ihr eigenes Leben, und mit der Kamera um den Hals heraumlaufen um „exotische“ Bilder zu schießen ist so eine Sache. Es ist doch kein Menschen-Zoo. Jeder muss dies mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. Ja, Jet Sip Rai ist auch Bangkok, wenn ein Besucht, dann mit Respekt und diskret verhalten, nicht wie ein Tourist im Grand Palace.

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