5 Buchempfehlungen für Bangkok-Interessierte. Die meisten Besucher Bangkoks sehen und erleben die Stadt von außen, als Besucher eben. Wer aber die Stadt von „innen“ erleben möchte, kommt ohne literarische Begleitung nicht aus. Hier sind 5 Buchempfehlungen, welche die Innenansicht der Stadt aus verschiedenen Perspektiven beleuchten: Romane und Erzählungen mit dem Thema Bangkok, welche die Stadt nicht als billige Kulisse für schlechte Kriminalgeschichten und Tränen behaftete Barmädchen-Stories nutzen. Die Reihenfolge entsprechend dem Erscheinungsdatum.

 

Stille Tage in Bangkok, Steve Casal, 2017

Ja, der Autor ist mein Kollege auf dieser Plattform. Er wird bestimmt auch selbst noch etwas zu seinem Roman sagen. Zum Inhalt: Pierre, einem digitalen Nomade, kommt diesmal Bangkok fremd vor, dunkle Vorahnungen plagen ihn. Er möchte ergründen, was ihn und die anderen Expats an dieser Stadt so fasziniert. Wie ein Voyeur beobachtet er Menschen, Geschehnisse, Orte und seine Geliebten, reflektiert über die unterschiedlichen östlichen und westlichen Lebensweisen. Dann verschwindet John, ein Engländer, mit dem Pierre schon öfters durch das Nachtleben streifte und über Buddhismus diskutierte. Nur widerwillig lässt sich Pierre von der Concierge seines Serviced Apartments überzeugen, nach John zu suchen.

Als er dabei auf Natti, eine junge Indologin, trifft, der John alte buddhistische Schriften zum Übersetzen übergab, steigt sein Interesse. Nicht an John, sondern an der Indologin. Die Indologin möchte zunächst mit der Sache nichts zu tun haben. Pierre kann sie überzeugen, sich weiter mit den Schriften zu befassen. Vielleicht liegt darin die Lösung für Johns Verschwinden. Bald wird es ernst. Menschen sterben, werden entführt. Pierre und Natti werden zu Gejagten.

Den Roman kann man auf zweierlei Weise lesen. Einmal als Triller um den verschwundenen John, der in kleine Episoden und Stimmungsbilder der Großstadt Bangkok eigebettet ist. Der Roman hat noch eine zweite Ebene. Das deutet der Untertitel an: „oder die erträgliche Leichtigkeit des Seins“. Casal spielt mit dieser Thematik: die Sorge/Besorgtheit des westlichen Menschen und die Leichtigkeit des thailändischen Lebensgefühls als Gegenentwurf.

Pierre, die Hauptfigur, schildert die einzelnen Facetten Bangkoks wie ein abgebrühter Pathologe. Auf manche Leser mag die scheinbare „Distanziertheit“ Pierres verstörend wirken, insbesondere dann, wenn er Szenen beschreibt, die aus der Sicht der Leser als brutal oder moralisch verwerflich empfunden werden könnten. Das ist wohl Absicht, um diese Bilder auf die Leser unvoreingenommen wirken zu lassen. Casal möchte den Leser nicht mit seiner Weltsicht beeinflussen, gibt keine eigenen Bewertungen ab. Pierres Gefühle brechen nur selten durch, meist versteckt in einigen Traumsequenzen.

Abschließende Bewertung. Stilistisch gelungen, prägnante Sprachbilder, leicht zu lesen. Casal behandelt verschiedene Aspekte von Bangkok. Beschreibt das Lebensgefühl der hier lebenden Expats, hinterfragt durch die Gegenüberstellung von westlichem und östlichem Denken & Fühlen auch einige Stereotypen der westlichen Lebensphilosophie und vermittelt daneben unverklärte Einblicke in den Buddhismus und in die Mentalität der Thais. Die Geschichte um den verschwundenen John erzählt Casal einem Thriller angemessen spanend. Für einen Touristen können die Beschreibungen der unterschiedlichen Orte Bangkoks (auch off the beaten track) und die Deutung einzelnen Phänomene jenseits der gängigen Klischees interessant sein, bringen sie ihm die Stadt auf eine Weise näher, wie dies kein Reiseführer vermag.

Erhältlich: Amazon

 

Bangkok Noir, Roger Willemsen und Ralf Tooten, 2009

Bangkok Noir CoverAutoren sind der viel zu früh verstorbene Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen und der bekannte deutsche Fotograf Ralf Tooten. Willemsen und Tooten durchstreiften mehrere Monate die Stadt, genauer gesagt das nächtliche Bangkok. Entstanden ist ein essayistischer Text von Roger Willemsen untermalt mit Bildern von Ralf Tooten oder ein Bildband untermalt mit einem essayistischen Text; eine Synergie aus Text und Bildern, jedes für sich allein lebensfähig. Willemsen begegnet der Stadt mit dem Fokus eines Intellektuellen, lässt die energetischen Bilder, die Alltagsgeschichten auf sich wirken, reflektiert seine Eindrücke in Sprachbildern, Gedankenströmen, kleinem Geschichten und Beobachtungen.

Foto Ralf Tooten

Die Fotos von Ralf Tooten visualisieren das Gesehene und Erlebte, auch wenn die Fotos thematisch dem Text nicht direkt auf der gleichen Seite zugeordnet sind. Das ergibt durchaus Sinn. Die Fotos sollen den Text nicht dokumentieren, ihn optisch „veredeln“. Fotos und Text stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Fotos erzählen die Geschichte mit dem Stilmittel der Fotografie. Gerade die Fähigkeit in den Bildern solche Geschichten einzufangen, macht die besondere fotografische Kunst Ralf Tootens in Bangkok Noir aus.

Willemsen erzählt kleine Geschichten, Geschichten wie sie in der endlosen Nacht zu Tausenden vorkommen.Die Stilistik mag man mögen oder auch nicht. Intensive Sprachbilder wechseln mit der prosaistischen Beschreibung des Erlebten, durchmischt mit Reflexionen: „die Polyphonie der Grossstadt Bangkok, die lebt, als hätte der grosse Auslagen-Arrangeur gerade erst seine Hand aus der Dekoration gezogen … Die Ströme von Wasser, Licht, Verkehr, Kraft, Elektrizität müssen gebündelt, die Schneisen für Essen, Waren, Arbeitskraft müssen geschlagen…“

Abschließende Bewertung. Die Sprachgewalt und Beobachtungsgabe Willemsens macht die Stärke, aber zugleich auch die Schwäche des Textes aus. Das Gesehene beschreibt Willemsen brillant, vermittelt sein eigenes spezifisches Stimmungsbild der Stadt, bleibt dabei aber meist an der Oberfläche haften. Was sich hinter den Geschichten verbirgt, die Zusammenhänge und Gründe erfährt der Leser nicht. Das war vielleicht auch so nicht gewollt. Oder dieser hochkarätige intellektuelle Essayist blieb, wie viele seiner Zunft, in der eigenen Weltsicht so stark verfangen, dass er kaum in der Lage oder gewillt ist, sein Gedankengebäude zu verlassen und losgelöst vom westlichen Denken unvoreingenommen in andere Welten einzutauchen.

Foto Ralf Tooten

Für jemanden, der Bangkok kennt, den Stil dieses begnadeten Essayisten mag, bestimmt ein Hochgenuss. Für nüchternere Leser oder jemanden, der sich über die verschiedenen Details der Stadt genauer informieren möchte, eher weniger geeignet. Ich habe Bangkok Noir außerordentlich genossen, insbesondere auch in der Verbindung mit den intensiven Fotos von Ralf Tooten.

Erhältlich: Amazon

 

Private Dancer, Stephen Leather, deutsche Ausgabe, 2011, englische Ausgabe, 2005

Fakt Nr. 1: Stephen Leather ist ein britischer Journalist und Thriller-Autor. Leather zählt zu den am meisten verkauften Amazon-Kindle Autoren und den 100 einflussreichsten Buchautoren in Großbritannien. Fakt Nr. 2: Private Dancer wurde mehr als 40.000 verkauft, hinzukommen weitere tausende kostenlose Downloads. Fakt Nr. 3: Bernard Trink, der legendäre Doyen und frühere Kolumnist der Bangkok Post über das Bangkoker Nachtleben, schrieb, dass Private Dancer bei jeder Einreisestelle zur Verfügung stehen sollte. Und die Pattaya Mail merkte an, dass dieses Buch ein verbindlicher Lesestoff für alle „first-timer“ in Thailand sein sollte. Sie ahnen bereits, wovon dieses Buch handelt und wo es spielt. In einer Welt, die mir als Frau zwar nicht fremd ist, aber wo ich nicht verkehre. Das könnte für eine Rezension ein Nachteil sein, aber ermöglicht andererseits, sich dem Stoff unvoreingenommen zu nähern.

Zur Handlung: Pete ein englischer Buchautor, wird nach Thailand gesandt, um ein Travel Book zu aktualisieren. In einer Bar in der Nana Plaza trifft er Joy, ein Gogo-Girl, und verfällt ihr. Die Beziehung der beiden schildert Leather aus der jeweiligen Sicht der Protagonisten und der beteiligten Freunde. Selbstverständlich geht die Sache schief und endet sogar tödlich. Die stereotypen Verhaltensweisen des „abgebrühten Bargirls“ und des „naiven westlichen Farangs“ wirken zwar überzeichnet, aber dürften so multiplizierbar sein, folgen sie doch einer bestimmten Blaupause. An dieser Stelle, der Blaupause, beginnen die Missverständnisse, und das ist auch die Schwäche dieses Bestsellers.

Leather schildert detailliert die Verhaltensweisen der Protagonisten, hinterfragt jedoch nicht die Blaupause, weder in Bezug auf Joy noch auf Pete. Der unkundige westliche Leser gewinnt den Eindruck, dass „Thai women are…”, alle Bargirls spielen falsch, betrügen, lügen und sind nur auf das Geld des Farangs aus, der es mit ihnen ehrlich meint und eine bürgerliche Beziehung pflegen möchte.

Hinter dem Scheitern der Beziehungen steckt aber etwas ganz anderes. Es ist das andersartige Verständnis von einer „Beziehung“ und das besondere Milieu, in dem sich Joy, aus welchen Gründen auch immer, bewegt. Ein doppeltes Missverständnis. Pete glaubt mit Joy eine ähnliche Beziehung führen zu können wie mit einem westlichen Mädchen. Joy unterliegt einem ähnlichen Missverständnis, in dem sie das thailändische Rollenverständnis zwischen Mann und Frau auf Pete appliziert und sich dazu adäquat den Normen des Bangkoker Nachtlebens verhält: „play and pay“. An ihrem Verhalten ist nichts Verwerfliches zu entdecken.

Ein kurzer Einschub: hätte sich Pete bei einem Schreibeinsatz in Hamburg seine Freundin in den Bars von Sankt Pauli gesucht? Der eigentlich Schuldige an dem Scheitern der Beziehung ist nicht Joy, sondern der naive Pete. Leider werden die meisten Leser die Schuld bei dem „verwerflichen“ Verhalten von Joy ausmachen, wie bereits die eingangs wiedergebenden Empfehlungen von Bernhard Trink und der Pattaya Mail andeuten. Geht Trink wirklich davon aus, dass alle „first-timer“ sich ihre Freundinnen in den Bars suchen werden? Zur seiner aktiven Zeit war das vielleicht so. Und noch schlimmer, solche Pauschalisierungen beschmutzten das Ansehen der bürgerlichen thailändischer Frauen, also der absoluten Mehrheit „Thai women are…“

Abschließende Bewertung. In der englischen Originalausgabe ist der Text stilistisch gelungen. Stephen Leather kann mit der Sprache umgehen und schildert die einzelnen Szenen glaubhaft und authentisch. Thematisch lässt Private Dancer einen fahlen Nachgeschmack zurück: trägt doch das Werk zu Vorurteilen und Klischees über Bangkok bei, fokussiert den Blick auf einen kleinen Aspekt der Stadt. Anderseits kann es männliche Besucher von Bangkok und Pattaya, die im Nightlife mehr wollen als nur „play and pay“ durchaus vor Schaden bewahren.

Erhältlich: Amazon

 

Bangkok Days, Lawrence Osborne, 2009

Lawrence Osborne ist ein britischer Schriftsteller. Er studierte Sprachen in Cambridge und Harvard, lebte in Paris, verbrachte mehrere Jahre an verschiedenen Orten des Planeten, schrieb als Reporter für namhafte amerikanische Zeitungen, verfassten Kurzgeschichten und insgesamt fünf Romane. Ich muss gestehen, dass ich ihn zuvor nicht kannte. Steve hat mir ihn näher gebracht. Und er gestand mir auch, dass ihn Bangkok Days vor einigen Jahren auf die Idee brachten, eigene Lebenszeit in Bangkok zu verbringen. Bevor ich das Buch selbst las, stöberte ich zunächst in verschiedenen Rezensionen. Das war ein Fehler. Denn jetzt mischen sich in meinem Kopf die Meinungen anderer Leser mit meinen Eindrücken. Aber es war auch interessant zu verfolgen, wie unterschiedlich ein Text wahrgenommen wird. Ich werde darauf eingehen.

Zum Buch. Osborne kommt erstmals nach Bangkok, um seine Zähne reparieren zu lassen, da die Kosten einer Zahnbehandlung hier günstiger sind als in seiner Heimatstadt New York. Sofort verfällt er der Faszination und Lebensenergie der Stadt. An sich müsste der Titel Bangkok Nights heißen, den Osborne unternimmt seine Spaziergänge durch Bangkok meistens nachts. Der Titel ist eine Adaption von Burmese Days von George Orwell. Orwell beschreibt darin das Leben einer kleinen Gruppe von britischen Bewohnern in einem Nest im kolonialen Ostburma. Genauso beschreibt Osborne sein Leben und das von einigen westlichen Ausländern in Bangkok. In seinem Serviced Apartment begegnet er den unterschiedlichsten Farangs. Es sind meistens ältere Herren, die hier arbeiten oder sich zu Ruhe gesetzt haben. Mit einigen freundet er sich an. Gerne bringen sie dem „Frischling“ die Stadt näher.

Das Buch besteht aus kleinen Episoden, ohne dabei einem verbindenden Faden zu folgen. Was die Episoden anbelangt, ähnelt es Stillen Tagen in Bangkok von Steve Casal. Der Unterschied besteht darin, dass Pierre, die Hauptfigur von Stille Tage, als erfahrener Resident den Grund für die Faszination der Stadt zu ergründen sucht, während Osborn erst dabei ist, die einzelnen Facetten Bangkoks zu entdecken. Osborne reflektiert über das Gesehene und Erlebte meistens aus einer westlichen Perspektive, bei Pierre ist das westliche Denken und Fühlen bereits erodiert; er beschreibt einzelne Phänomene auch aus der für Europäer befremdlichen thailändisch-buddhistischen Sicht.

In den Lesebewertungen für Bangkok Days fallen, was die Kritik anbelangt, immer wieder bestimmte Stereotypen auf, die auch auf andere von Bangkok handelnden Literatur übertragen werden können. Insbesondere weibliche Leser beklagen die männliche Sicht und die Fokussierung auf Genuss. Erstens, ein Mann, wenn er authentisch bleiben möchte, kann keine weibliche Sicht einnehmen. Zweitens, der Untertitel von Bangkok Days lautet: „A Sojourn in the Capital von Pleasure“; eine treffende Beschreibung von Bangkok als die Stadt der Genüsse (Essen und Sex). Dort, wo Männer die Möglichkeit haben, alle diese Genüsse ohne gesellschaftliche Sanktionen auszuleben, leben sie die Genüsse auch aus. Auf diesem Gebiet mögen Frauen anders ticken, aber ich sehe hieran nichts Anstößiges. Und was die selbsternannten Moralisten anbelangt, sie dürften es schwer haben, die eigenen Moralvorstellungen schlüssig und allgemein verbindlich zu begründen.

Das Leben aus der Sicht der „aged white Men“ ist ein weiterer Einwand. Es sind eben meist ältere Herren, welche die Ressource haben in Bangkok zu leben. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich bestätigen, dass sich jüngere Männer in der gleichen Weise verhalten und auch verhalten müssen, wenn sie weibliche Gesellschaft genießen möchten. „Alles wird aus der Sicht dieser Expats beschrieben, die Thais und ihre Kultur kommen kaum vor“. Ja, das ist bei Expats in Bangkok meistens so. Und das hat auch seinen Grund.

Abschließende Bewertung: Stilistisch sehr gut gelungen, moderne englische Prosa vom Feinsten. Die einzelnen Episoden schildert Osborne prägnant mit einem Hauch von angelsächsischem Zynismus, kein „overwriting“. Osborne deutet an, geht nicht unbedingt in die Tiefe, was für einen relativen „Frischling“ unglaubwürdig wäre. Die einzelnen Charaktere mit all ihren Schrullen schildert er mit englischem Humor. Es ist die Sicht eines gebildeten, lebenserfahrenen und weitgereisten Briten. Für Besucher von Bangkok ein Lesestoff mit einem lebensphilosophischen Unterton, der Spaß macht, die Stadt und einige hier lebenden Expat-Typen etwas näher bringt.

Erhältlich: Amazon

 

Confessions of a Bangkok Private Eye, Stephen Leather und Warren Olson, 2006

Bei dem Einzug in mein erstes Serviced Apartment lag ein Exemplar auf der Mülltonne. Ein Buch auf einer Mülltonne, auch wenn nur ein zerknautschtes Paperback, das geht nicht. Ich nahm das Exemplar mit, es war zu diesem Zeitpunkt das einzige Buch in meinem Apartment. Vor dem Einschlafen las ich ab und zu einer der Detektiv-Geschichten. Nacherzählt von Stephen Leather, beruhen sie auf authentischen Fällen von Warren Olsen, einem neuseeländische Privatdetektiv, der 10 Jahre in Thailand lebte und hier ein eigenes Detektivbüro betrieb. Zu seinen Kunden zählten, wie anders zu erwarten, überwiegend Ausländer männlichen Geschlechts. Und wenn Ausländer in Bangkok Probleme haben, dann ist das Bar-Milieu und Nachtleben nicht weit. Das Buch enthält auch einige außerhalb dieses Milieus angesiedelten Fälle.

Später traf ich mehrmals den eigentlichen Kultautor für Kriminalgeschichten in Bangkok, den kanadischen Autor Christopher G. Moore. Dieser gebildete und eloquente frühere Juraprofessor lebt seit vielen Jahren in Bangkok. Er zog mich gleich in seinen Bann. Und er schenkte mir einige seiner Bücher, leider kam ich nicht dazu sie zu lesen. Als ich mich mit dieser Literaturempfehlung befasste, griff ich mehr als gern hierauf zurück.

Seine große Lesegemeinde und Popularität in Südostasien werden schon ihren Grund haben. Und auch die Pressestimmen auf Wikipedia und anderswo zu seiner Vincent Calvino Detektivreihe klangen vielversprechend. Moore soll die Elemente des Roman Noir (Chandler, Hamett, Simenon) in die Welt der südostasiatischen Kriminalliteratur bringen und „die exotische Mentalität, das so fremd scheinende Leben der Thais, dem Leser so nah zu bringen, dass er sich in Thailand fast heimisch fühlen könnte“. Was will man mehr, spannende Kriminalgeschichten in der Tradition der hardboiled dectetive novel und die exotische Mentalität der Thais, die neben dem „Leben der dort ansässigen ausländischen Expats beschrieben wird“.

Seine Fans müssen jetzt Nachsicht üben. Nur schwer habe ich es geschafft, mehr als drei Seiten am Stück zu lesen. Das lag nicht an der Thematik: Calvino, ein jüdisch-italienischer Ex-Anwalt aus New York, lebt jetzt als Privatdetektiv in Bangkok. Nach einem nächtlichen Saufexzess wacht er verkatert auf, macht sich Sorgen, wie er finanziell über die Runden kommt; ein rauer Kerl mit guter Schale und Gerechtigkeitssinn. Dann kommt unvermittelt der erlösende Anruf eines Auftraggebers.

Und schon findet sich der Leser am Rand der thailändischen Gesellschaft wieder: Drogen, Prostituierte, Kathoeyes, zwielichtigen Charaktere, die auf der Schattenseite der Gesellschaft leben. Aber auch Auslandskorrespondenten, Diplomaten, Englischlehrer, Abenteurer…., die notorische Expat Comunity neben einflussreichen thailändischen Familienklans kommen vor. Wie es in solchen Milieus zugeht, ahnen wir bereits; das ist der übliche Stoff für Krimis und Triller. Dagegen lässt sich nichts einwenden, das Böse und Gute gedeiht in einer solchen Umgebung besonders prächtig, vermischt sich gelegentlich miteinander.

Ich mache es kurz, was mir das Lesen zur Qual machte. Das war zunächst die Stilistik: Auktoriale Erzählperspektive, also nicht aus der Sicht des Detektivs „Calvino sah auf die Uhr“. Die sprachliche Verarbeitung bewegt sich auf dem Niveau eines Groschenromans mit all den üblichen billigen Effekten. Die Charaktere und deren Verhalten verzerrt Moore zu klischeehaften Karikaturen. Würde man die Realien und Orte ändern, könnten die Geschichten in jedem beliebigen südamerikanischen Land spielen. Für mich ist ein solcher Lesestoff, schon wegen des Schreibstils und Stilistik, schlichtweg langweilig.

Warum schreibt aber ein gebildeter Autor so etwas. Na eben, weil er gebildet ist und weiß, mit welchem Stil und Thematik er eine breite Leserschaft erreicht. Aus dieser Perspektive ist diese Detektivreihe hervorragend gelungen: die Verbindung von Elementen des Roman Noir, eingebettet in eine exotische Umgebung, die Vorverständnisse (Vorurteile) der Leser bedienen, ist einfach genial.

Mich persönlich ärgert etwas anderes, nämlich die Behauptung der Rezensenten und des Verlags, dass diese Krimireihe den Lesern die Mentalität und das Leben der Thais näher bringt. Nein, alle Protagonisten, Thais wie Farangs, haben mit der Realität in Bangkok und einer spezifischen thailändischen Mentalität nichts zu tun. Ich kann mich aus meinen privaten Gesprächen mit Christopher nicht erinnern, dass er seine Krimi-Fiktionen als Lebensrealität in Bangkok begreift.

Wer realistische Detektivgeschichten aus dem Bangkoker Milieu lesen möchte, dem empfehle ich Confessions of a Bangkok Private Eye. Stilistisch auf einem höheren Niveau angesiedelt, leicht zu lesen, und hauptsächlich für Herren, die in den Bars nach Lebensgefährtinnen suchen, außerordentlich lehrreich.

Erhältlich: Amazon

 

 

 

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