Militärjunta in Bangkok oder der mittlere buddhistische Pfad. Über die unterschiedlichen Sichtweisen. Was sind die Hintergründe?

In Thailand wird die Demokratie mit Füssen getreten, verkünden westliche Medien

Proteste in Bangkok gegen die RegierungFassen wir das westliche mediale Bild zusammen: die Demokratie wird mit den Füßen getreten; die Militärs vertreten die Interessen der traditionellen Elite; Bangkoks Mittelschicht sah sich durch die neue ländliche Mittelschicht in ihrem Status bedroht. „Was meist du Steve, ist der Putsch gut oder schlecht?“ Ich weiß es nicht. Keines von beiden oder beides gleichzeitig. „Was, wie, das geht doch nicht.“  Doch es geht. Ich weiß, schon die Schule bringt uns bei, dass wir uns zu jedem Thema eine eigene Meinung bilden müssen, dass wir erkennen sollen, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Und auch die Leitmedien und Politiker beziehen zu jeder Angelegenheit eine klare Stellung.

Westliche Denken ist von der griechischen Filosofie beeinflusst, die Eindeutigkeit steht im Vordergrund

Deshalb haben wir zu allem immer eine feste Meinung und äußern einen klaren Standpunkt. Menschen, die von der konkreten Sache am wenigsten wissen, vertreten dabei die eindeutigsten Positionen, aber das nur nebenbei. Diese Form des Denkens geht auf Aristoteles zurück. Auf seinen Schriften zur Logik aufbauend wurde das Prinzip der Zweiwertigkeit (der Satz vom ausgeschlossenen Dritten) entwickelt. Für eine beliebige Aussage gelte nur die Aussage selbst oder ihr Gegenteil. Eine dritte Möglichkeit, also dass lediglich etwas Mittleres, das weder die Aussage ist, noch ihr Gegenteil, sondern irgendwo dazwischen, kann es danach nicht geben.

Wir wissen natürlich, dass auch Differenzierungen möglich sind. Aber unser Denken ist eher dazu ausgerichtet, zur Eindeutigkeit, der einzig richtigen „Wahrheit“ zu gelangen, für die wir uns wie die Löwen prügeln (links oder rechts, FC Bayern oder Borussia Dortmund). Das mag der Grund sein, warum die meisten Menschen vehement andere Meinungen (oder Lebensweisen) bekämpfen. Sie fühlen sich bereits allein dadurch, dass solche Positionen bestehen, in ihrer eigenen Denk-Position oder Lebensweise angegriffen. In früheren Jahrhunderten endeten die Abweichler nicht selten auf dem Scheiterhaufen, heute im aufgeklärte Zeitalter bloß im digitalen Shitstorm.

Für den mittlere buddhistische Pfad gilt nicht das Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten

Nagarjuna

Im Buddhismus, der das Denken der Menschen in Thailand prägt, gilt nicht die Zweiwertigkeit der klassischen griechischen Logik. Es ist nicht zwingend, dass eine Aussage entweder als wahr oder falsch gelten muss. Nach Nagarjuna existieren mehrere Wahrheitsstufen. Das Ja und das Nein schließen einander nicht aus. Genauso ändern die Thais die Inhalte von Begriffen, wenn es die Situation erfordert. Was uns Europäern unlogisch erscheint, kann aus der Sicht der Thais durchaus logisch sein oder umgekehrt. Das Prinzip vom ausgeschlossenen Dritten gilt hier nur eingeschränkt. Ist das der Grund für die Entstehung von Ladyboys, auch Kathoys genannt, weder Mann noch Frau, sondern beides? In vielen Medien werden Ladyboys hingegen als Transvestiten bezeichnet, als ein einen Frau im Männerkörper, was falsch ist. Und wie ist das jetzt mit der Militärjunta? Das muss jeder Interessierte für sich selbst entscheiden. Ich kann nur mit einigen Hintergrund-Informationen dienen.

Zu den Hintergründen der aktuellen politischen Situation

Premierminister Thaksin
Thaksin Shinawatra

Es begann im Jahr 1996: Thaksin Shinawatra, einer der reichsten Männer Thailands ging in die Politik. Und wie wird man zu einem der reichsten Männer Thailands? Man(n) stammt aus einem chinesischen Unternehmerklan, handelt unternehmerisch geschickt (manche nennen dies skrupellos) und unternimmt zu rechten Zeit das Richtige. Das war in den 80-ern das Computer-Business. Und wenn zu den Kunden die Universitäten und die Staatsbahn gehört, bleibt der Erfolg nicht aus. Später kamen Baufirmen, Telekommunikations- und Medienunternehmen hinzu. Der Staat blieb treuer Kunde. Aber langsam wurde es eng. Andere, insbesondere nicht-chinesische Unternehmergruppen aus Südthailand, wurden nervös.

In Thailand sind Politik und Wirtschaft wie siamesische Zwillinge miteinander verpflochten

Und was macht ein gewiefter Unternehmer in einer solchen Situation. Ja, Sie raten richtig. Er gründet flugs eine Partei. Phak Thai Rak Thai (TRT), übersetzt: „Thais lieben Thais“. Kommt Ihnen der Slogan bekannt vor? Es hätte auch „Thais first“ heißen können. Erdrutschsieg. Die Regierung ließ sich nicht lumpen: 30-Baht Krankenversicherung, Dorffonds-Kredite, Kampf gegen Drogen (Paramilitärs töten auf Geheiß der Regierung mehr als 2.000 Menschen, etliche Unternehmer zufällig darunter, zehntausende Menschen verhaftet.) Die Regierung wies die Polizei an, nicht wegen der Morde zu ermitteln. Kommt Ihnen auch das bekannt vor? Den ersten Gerichtsprozess wegen Korruption überstand Thaksin nur knapp.

Weitere Wahlen:  60%, 100% der Sitze für die TRT, Opposition 0%. Das Verfassungsgericht erklärte die Wahl 2006 für ungültig (Stichwort: Stimmenkauf). Neuwahlen angesetzt. Was es noch gab: Einkaufen von Wählern und Demonstranten, Aufhebung der Gewaltenteilung (Thaksin besetzte Gerichte, die Polizei, Wahlkommission, Anti-Korruptionsbehörde mit eigenen Leuten), Instrumentalisierung des Staatsfernsehens, Erwerb einer bekannten Fernsehstation, Verbot von mehreren Radiosendern, Schikane von kritischen Zeitungen. Die Militärs hatten genug: Putsch. Das Verfassungsgericht löst die TRT auf. Thaksin, wegen Korruption verurteilt, flieht ins Exil und gründet die Bewegung „Front for Democracy Against Dictatorship“. Das sind die Rothemden, die fortan gegen eine weitere demokratisch gewählte Regierung demonstrierten; Unruhen in Bangkok 2010.

Thaksin im Exil, seine Schwester regiert das Land; Reissubventionen für die armen Bauern

Yingluck Premierministerin
Yingluck Shinawatra

Eine neue Partei muss her (Pheu-Thai „Für die Thais“). Ein Jahr später gewinnt Thaksins Schwester Yingluck mit der mentalen Unterstützung des Bruders und der neuen Partei die Wahlen. Auch die Schwester bewies ein soziales Herz für die Armen und Schwachen. Ihre Regierung führte einen garantierten Mindestpreis für den staatlichen Ankauf von Reis ein; 10 % des Haushalts flossen in dieses Programm. Die Herzen der Reisfarmer flogen der attraktiven Schwester in Scharen zu. Ignorante Ökonomen jubelten nicht: die Reisfarmer pflanzten fortan nur schnell wachsende Reissorten, die auf dem Weltmarkt zu dem garantierten Mindestpreis nicht verkäuflich waren, in den staatlichen Depots faulten und schließlich von der Regierung an undurchsichtige Zwischenhändler verscherbelt wurden; ein Milliardenverlust für die Staatskasse. Dann eben die Steuerrückzahlung für das erste Eigenheim und Auto. Na gut, auch wenn sich die Armen kein Auto leisten können, dann nutzte das Programm doch wenigstens reichen Zweitwagenkäufern, die einen autolosen Strohmann vorschickten. Und es war da auch noch etwas mit einer geplanten Änderung der Verfassung, einem Amnestiegesetz für den Bruder…

„Ja, das reicht jetzt, so genau wollen wir das gar nicht wissen.“ Sie haben recht. Aber bitte, ich muss doch wenigstens noch das Ende dieser Entwicklung kurz erwähnen. Jetzt hatte die Bangkoker Mittelschicht genug, darunter Professoren, Studenten, Beamte, Ärzte, Angestellte…, sie wollten der galoppierenden Staatsverschuldung nicht untätig zusehen. „Aufgehetzt durch die traditionellen Eliten“ (wie deutsche Online-Medien zu berichten wussten) gingen sie auf die Straße. Das sind die Gelbhemden. Ihr Anführer Suthep, ein früherer Minister und Vertreter von einflussreichen Wirtschaftsklans aus dem Süden, versprach: ein Land ohne Korruption, eine Regierung zum Wohle des Volkes. Bei einer solchen Utopie wäre sogar Thomas Morus rot geworden.

Shutdown Bangkok, Granaten auf Oppositionsführer, Militärjunta in Bangkok

Shut down Bangkok„Shutdown Bangkok“, die oppositionelle Bangkoker Mittelschicht lähmt die Stadt, Barrikaden, tägliche Demonstrationen. Angeheuerte Killer werfen Granaten auf Oppositionsführer, töteten Kinder. Jetzt hatte das Militär schon wieder genug: Putsch. Eine Militärregierung übernahm die Macht und handelt: Anklage gegen die von Verfassungsgericht wegen Amtsmissbrauch ihres Amtes enthobene Yingluck, hohe Polizeibeamte (von Thaksin berufen) wegen Korruption verhaftet, neue Fahrradwege angelegt, wöchentliche Ansprache des General-Ministerpräsidenten über das Erreichte und Bevorstehende, Verfassungsreform…“Halt, halt, das ist doch alles viel zu verwirrend, wir wollen doch nur wissen, wer die Guten und wer die Bösen sind.“

Proteste in BangkokBitte haben Sie mit mir Nachsicht, ich lebe schon längere Zeit in Bangkok. Das klare, strikte westliche Denken kommt mir dabei manchmal abhanden. Aber es ist doch nicht so schwer selbst eine Antwort zu finden: eine gewählte Regierung, insbesondere wenn sie ein Herz für die Armen zeigt, ist immer gut, die dagegen randalierende Opposition ist schlecht (nur für die Ukraine gilt eine Ausnahme, dort war es umgekehrt, die Opposition gut, der gewählte Präsident schlecht); eine Militärjunta ist immer schlecht, die Armen sind immer gut, die Reichen (Mittelschicht in Bangkok) sind immer schlecht. Und wenn Sie als Thailandfreund nach dem aktuellen Geschehen gefragt werden, sagen Sie einfach: „Der Kampf der Bangkoker Mittelschicht, aufgehetzt durch die alten Eliten des Landes und unterstützt vom monarchistisch hörigen Militär, gegen die arme Landbevölkerung aus dem Norden“, oder noch prägnanter „Gelb gegen Rot“. Und die Farbe rot ist immer gut. Mit dieser Einschätzung stehen Sie auf der sicheren Seite. Und was sagen die Thais? Die fragen Sie besser nicht. Sie wissen doch, der mittlere buddhistische Pfad.

3 Kommentare

  1. Danke für den interessanten Artikel. In der deutschen Presse liest es sich immer nur vereinfacht, die Reichen gegen die Armen, und natürlich, die bösen Militärs.

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