Sanuk, das Lebensprinzip der Thais. Wer kennt nicht die Bilder mit den lächelnden Menschen, die immer Spaß zu haben scheinen. Aber, was verbirgt sich hinter diesem Lächeln? Und ist das Lächeln immer freundlich gemeint?

Thais verhalten sich. Manches verstehen wir, manches nicht. Und was geschieht dann? Wir schütteln den Kopf, ärgern uns, schimpfen. Den Thais ergeht es genauso. Was ist geschehen? Westliche Lebensart trifft auf östliche Lebenskultur; die spezifisch thailändische. Wir verstehen uns nicht. Missverständnisse erschweren den Reise-Alltag und können sogar zu gefährlichen Situationen für Touristen und Expats führen.

Auf dieser Plattform haben wir uns mehrfach mit den einzelnen Aspekten der kulturellen Besonderheiten Thailands befasst: über thailändische Frauen, das Zusammenleben zwischen Farangs und Thais, Buddhismus und Lebenskultur sowie das Prinzip des „Gesichtswahrung“, das einen ignoranten Ausländer schnell in die buddhistische Hölle verfrachten kann. Und ganz wichtig: über das Denken der Thais und unsere Westliche Brille. Dieser Beitrag befasst sich mit dem SANUK, dem Lebensprinzip der Thais.

Die westliche Brille ablegen

Besucher betrachten die sozial-kulturellen Phänomene des Landes oft mit einer westlichen Brille. Es ist ihnen nicht bewusst, dass sie dabei unserem kulturellen Hintergrund folgen und das Verhalten der Thais auf der Grundlage der verinnerlichten westlichen Logik und Wertekanons bewerten: was wir anders machen und für richtig halten, haben die Thais auch so zu machen… was die Thais tun, ist nicht richtig, führt zu…“.

Unsere Denk- und Werteordnung prägen die altgriechische philosophische Logik und die christliche Sozialmoral. In Asien und Thailand beherrscht das Denken und Fühlen ein anderer kultureller Hintergrund. Die philosophischen, logischen und religiösen Konzepte unterscheiden sich teilweise erheblich von den westlichen. Kein Konzept ist dem anderen überlegen, und das schon deshalb nicht, weil sie auf unterschiedliche Aspekte der menschlichen Existenz einwirken.

Wem es gelingt, die westliche Brille abzulegen, wird sein „Reiseleben“ in Thailand und Asien einfacher gestalten und Missverständnisse vermeiden. Und es eröffnet sich ihm die Chance, seine eigenen Lebens- und Weltbilder zu hinterfragen. Das kann den einen oder anderen in seinem Leben durchaus weiterbringen.

Sanuk, das thailändische Lebenskonzept

Songkran in in der SukhumvitIn den gängigen Definitionen dieses Begriffs schwingen die Ausdrücke „Vergnügen“ und „Spaß“ mit. Die ausufernden Wasserschlachten an Sonkran sind eine direkte Auswirkung des „Sanuk-Prinzips“, auch wenn dieses Fest ganz andere historische Wurzeln hat. Dann erscheint in den Definitionen oft der nebulöse Hinweis, Sanuk sei für die Thais mehr als bloße Lebensfreude. Was verbirgt sich noch hinter Sanuk? Kann dies ein rationaler Westler überhaupt verstehen? Ich weiß es nicht. Aber auf einen Versuch kommt es dennoch an. Zunächst einige Sätze zu den kulturhistorischen Hintergründen.

Konfuzianisches Denken und buddhistische Prinzipien

Darstellung des KonfuziusFür Konfuzius, den prägenden Denker der chinesischen Kultur, ist der Leidgedanke jeglichen Handelns das Harmonieprinzip; eine Weltordnung ohne Extreme. Feste Regeln sollen dabei helfen, Konfrontationen zu vermeiden. Im Vordergrund steht das gemeinschaftliche Wohl, das die individuelle Persönlichkeit in den Hintergrund drängt. Für die buddhistische Philosophie gibt es überhaupt kein persönliches ICH, also eine unveränderbare konstante Persönlichkeit. Das Leben also auch das ICH entsteht im jedem Augenblick neu, alle Dinge sind vergänglich, nur der Augenblick zählt.

Diese beiden Prinzipien, Konfuzianismus und Buddhismus, haben sich in Thailand vereinigt und bilden die Paten des „Sanuk-Prinzips“. Dies erklärt auch, warum Chinesen kaum Sanuk, also gelebte Lebensfreude genießen. Sie folgen sehr stark dem Vermächtnis der Ahnen (konfuzianisches Prinzip), um für sich und die Nachkommen ein besseres Leben (Wohlstand) zu erreichen. Ihnen fehlt die besondere buddhistische Komponente des „Lebens im Augenblick“.

Sanuk im thailändischen Alltag

Wenn also das Leben in jedem Augenblick neu entsteht, das Leben im Hier und Jetzt stattfindet, haben die Menschen auch kein Bedürfnis, zur sehr an die Zukunft zu denken oder an „Lebenssicherheit“ wie ein westlicher Mensch, etwa ein junger Mann, der beim Einstellungsgespräch gleich nach der Betriebsrente fragt.

Der Motorrad-Taxifahrer investiert das Geld eines großzügigen Kunden gleich in eine Runde Snacks und Whiskey für seine Kollegen, als ob es ein Morgen nicht gibt. Die Massage-Damen feiern die Heimkehr einer Kollegin so überschwänglich, als ob es ein Gestern nicht gab. Buddha klatscht in die Hände und wiederholt unermüdlich: „das Gestern ist nicht mehr, das Morgen ist noch nicht gekommen, das Leben ist Hier und Jetzt“.

Lebensfreude ThailandDas heißt aber nicht, dass alle Thais ständig „happy“ sind. Sanuk ist auch eine Substitution für harte Arbeit und Missgeschicke, tröstet und befreit die Menschen von den Plagen des Alltags. Und westliche Menschen? Die laden sich ständig neue Sorgen wie Mauleseln auf den Buckel, leben meist „besorgt“ in der Vergangenheit oder der Zukunft. Während die Thais die Leichtigkeit des Seins genießen, steht uns Westlern eher die unerträgliche Seite der Existenz näher (mit der sich gefühlt 90 % der westlichen Literatur befasst).

Sanuk beherrscht alle Lebenslagen

Es gibt den Sanuk des Essen, den Sanuk des Einkaufens, den Sanuk des Reisens, den Sanuk den Lesens und des Gesprächs. Warum ein schwieriges Buch lesen, ein Komik ist mehr Sanuk, und ein tiefschürfendes Gespräch führen, nein, das ist kein Sanuk. Es kommt nicht selten vor, dass ein Thai seinen Job kündigt, weil die Arbeit für ihn kein Sanuk ist. Wenn die Arbeit kein Sanuk ist, dann ergibt es in seinen Augen keinen Sinn, sie auszuführen. In den Büros oder Shopping-Malls haben die Angestellten ständigen Sanuk, planen das Essen und die abendlichen Vergnügungen.

Ein naher Verwandter des Sanuk ist das bekannte „main pen rai“ („macht nichts“), das thailändische Laissez faire. Also nichts „ernst nehmen“, „machen lassen“ oder „laufen lassen“. Es ist eine Haltung der Nichteinmischung mit dem Vertrauen darauf, dass sich die Dinge am besten von selbst regeln. So wird etwa eine betrunkene Person, die sich unflätig benimmt, eher ignoriert, anstatt sie mit ihrem Verhalten zu konfrontieren; „mei pen rai“. Ich weiß, eine schwierige Vorstellung für all die reisenden deutschen Oberlehrer.

Sanuk im Geschäftsleben

Firmen Meeting BangkokKehrt ein europäischer Geschäftsmann von einer Geschäftsreise zurück, fragen ihn seine Kollegen, ob er erfolgreich war. Die thailändischen Mitarbeiter fragen ihren Boss, ob er „Sanuk“ hatte: gutes Essen, ein tolles Hotel, abendliche Vergnügungen usw. Die Begriffe „Meeting“ oder „Projekte“ werden mit dem Wort „len“ gebildet, was spielen bedeutet, kommt somit weniger ernst daher als im Westen.

Im Geschäftsleben der Thais (Hotel, Betrieb, Behörde usw.) läuft vieles etwas gemächlicher ab; Effizienz steht nicht unbedingt im Vordergrund. Das kann für westliche Firmenchefs ziemlich frustrierend sein, die dann auch noch auf die „Gesichtswahrung“ zu achten haben. Der amerikanische Grundsatz „work-hard, play-hard“ ist dem thailändischen Geschäftsleben fremd.

Das thailändische Firmenkonzept ist nicht so stark auf Aufgaben und Ergebnisse ausgerichtet, eher prozessorientiert; damit sollen auch Spannungen und Aggressionen abgebaut werden. Der thailändische Macho-Boss wird gegenüber seinen Mitarbeitern seine “Macht“ nicht direkt ausspielen, sondern im Umgang mit den Untergebenen auf Harmonie (Gesichtswahrung) Wert legen. Ärger und Frust sind eben nicht Sanuk. Die Vorstellung eines organisierten Spaßes (Relax- oder Team-Building); also Vergnügen mit einem festen Ziel, passt nicht zum thailändischen Denken. Hier wird der Spaß um seines Selbstwillen praktiziert.

Exclusive Club in BangkokErfahrene westliche Geschäftsleute wissen natürlich, dass sich die besten Geschäfte nicht in der kühlen Atmosphäre eines Besprechungsraums, sondern in der Lounge eines exklusiven Massage-Parlours oder Member-Clubs vereinbaren lassen. Hier vereinigt sich die Arbeit mit dem Sanuk. Aber Vorsicht, viele Businessmen haben chinesische Wurzeln. Bei ihnen ist das Sanuk-Prinzip nicht so stark ausgeprägt. Aber wenn es um männliche Vergnügungen geht, stehen die Chinesen-Thais den ethnischen Thais in nichts nach.

Das Lächeln der Thais 

Thais lächelnDas Land des Lächelns, wissen wir doch. Aber warum lächeln die Thais? Weil sie freundlich sind? Nein, nicht unbedingt. Erinnern wir uns an die Ausgangslage. Die Thais sind „Spaß fokussiert“ und dazu passt natürlicherweise das Lächeln. Das Lächeln ist damit eine zwangsläufige Begleiterscheinung des Sanuk.

Andererseits verbergen Thais ihre Persönlichkeit. Eine negative Emotion oder das Zeigen von Ärger führt zu einem Gesichtsverlust, verletzt das konfuzianische Harmonieprinzip. Mit dem Lächeln versuchen Thais ebenso negative Emotionen zu verstecken. So lächeln Thais auch jemanden an, zu dem sie stark reserviert und distanziert sind.

Manchmal ist das Lächeln auch ein emotionaler Puffer gegen die Schwierigkeiten des täglichen Lebens. Als Urlauber oder Expat kann ich bei einem lächelnden Thai somit nicht davon ausgehen, dass er gerade Spaß hat oder mir freundlich gesinnt ist. Es bedarf schon viel Erfahrung, das Lächeln richtig zu deuten.

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