Stickman Bangkok, eine Homage zum Abschied. Wer ist Stickman? Für langjährige Residenten und wiederkehrende Touristen eine überflüssige Frage. Stickman ist eine Institution und das Symbol einer verblichenen Farang-Zeit.

Mädchen aus GogobarAlso vom Anfang. Paul, ein Neuseeländer, kam 1998 als junger Mann nach Bangkok. Er erlernte Thai und unterrichtete Englisch an einer der besten Privatschulen der Stadt. Daneben betrieb er das Internet-Portal  Stickman Bangkok mit Informationen für die hier lebende Expat-Community. Der Schwerpunkt liegt auf dem „naughty  nightlife“, den Genüssen, welche diese Stadt für Menschen mit Testosteron-Hintergrund bereithält. Paul ist intelligent und kann gut mit der Tastatur umgehen. Seine wöchentliche Kolumne wurde schnell populär und enthält zusammen mit den Beiträgen von anderen Autoren an die 9.000 Artikel. Später holte Paul sein schlechtes Karma ein, das er sich bei den häufigen Streifzügen durch das Nachtleben erwarb.

Vom buddhistischen Rad des Lebens sind Farangs nicht gefeit

Ein australischer Expat, vermutlich ein Psychopath, ärgerte sich über einen Artikel und begann Paul unbarmherzig zu verfolgen. Dann nahm das buddhistische Rad des Lebens, vor dem auch Farangs nicht gefeit sind, seinen unbarmherzigen Lauf. Der Australier fand die Identität von Paul heraus, hackte die Webseite der Privatschule und verpasste dem weiblichen Lehrkörper Bananen in den Mund.Die Herren in Braun nahmen mit zuckenden Mundwinkeln ihre Ermittlungen auf.

Paul musste schließlich den Sachverhalt beichten. Eine Schülerin empörte sich auf ihrem Facebook: „Ich habe mit Freunden eines der von Paul beschriebenen Lokale besucht. Ein Englischlehrer, der in solchen Etablissements verkehrt, kann unmöglich auf meiner Schule unterrichten“. Groucho Marx hätte an dieser Schülerin seine Freude gehabt: „Ich möchte nicht einem Club angehören, der Mitglieder wie mich aufnimmt.“ Pauls Schule sah dies genauso. Er verlor den gut bezahlten Job, das teure Apartment und seine Freundin. Für die bürgerliche thailändische Dame war er ohne das teure Apartment nicht mehr perspektivisch genug. Sie verließ ihn und vergaß dabei nicht, das von Paul bezahlte Auto mitzunehmen.

Stickman Bangkok, Institution und Symbol einer verblichenen Farang-Zeit

Ladyboys Bangkok
Foto Richard Robberechts

Paul erholte sich von dem Schicksalsschlag nicht mehr, es ereilte ihn eine vorzeitige Midlife Crisis. Er fing an über sein Leben, die Stadt, die Bars, die Expats, die Barmädchen und Bangkok im Allgemeinen und Besonderen nachzudenken. Und er kam zu dem Ergebnis, dass heute alles anders ist, noch viel schlimmer, als das was er oft in seinen Kolumnen beschrieb. Schmollend zog er sich in seine Heimat nach Neuseeland zurück, von wo er das Internet-Portal weiter mit seinen Beiträgen bereichert. Ja, so ist das Leben, mögen manche denken. Aber was war wirklich geschehen? Paul kam als junger Mann mit einem funktionierenden männlichen Stammhirn nach Bangkok. Hier traf auf die damals noch überschaubare Gruppe der old Bangkokhands, die ihn in die noch überschaubare Welt des Nachtlebens einführte. Paul passte in der Schule immer gut auf und kannte deshalb auch Bertolt Brecht und seine Lebensweisheit, eine Lebensweisheit, die alle Männer verinnerlicht haben und natürlich auch ausleben, wenn sie dazu die Möglichkeit bekommen: „Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen. Zweitens kommt der Liebesakt. Drittens, das Boxen nicht vergessen. Viertens Saufen, laut Kontrakt.“

Nachtleben Soi CowboyDie Stadt der Genüsse erfüllt solche Sehnsüchte bis heute, fängt die Besucher ein, bündelt sie an bestimmten Orten, reduziert sie auf ihr genetisches Grundmuster: „Heute Nacht magisches Theater, nur für Verrückte, alles ist möglich, Eintritt kostet den Verstand.“ Alle Besucher, Expats wie Touristen, treten ein, nur wenige wieder aus, manche verlieren den Verstand. Und für Paul wurde Bangkok zu dieser Welt, in die er immer tiefer versank, aus der er berichtete. Ob das bereits damals nicht zu eng war, mag dahingestellt bleiben. Heute passt eine solche Weltsicht nicht mehr. Was ist los Steve, wurde dein männliches Stammhirn vom feminisierten Zeitgeist domestiziert? Herr bewahre, aber auch das zivilisatorisch geprägte Großhirn funktioniert in dieser Stadt, findet vielfältige Möglichkeiten von Vergnügungen.

Das Nachtleben in Bangkok ist bunter und vielfältiger geworden

Paul merkte nicht, dass inzwischen eine neue Generation von Expats und Touristen die Stadt der Genüsse aufsucht. Sorry Paul, der heutige Expat, der digitale Nomade und erfahrene Tourist findet seine Kurzeitfreundinnen nicht mehr nur in den Bars der Soi Cowboy und Nana Plaza. Sein Hunting-Ground sind auch die Dating-Websites, Shopping-Malls, Office-Ladies, Musikclubs, Sportsbars, Oilmassage-Shops und vieles mehr. Er verbringt seine Abende und Nächte nicht ausschließlich in Gogo-Bars oder Stammtisch-Bars. Es interessiert ihn deshalb nicht besonders, wie es in der einen oder anderen Bar zugeht, wem sie gehört, welche geschlossen wurde oder den Besitzer wechselte. Er will nicht ständig lesen, wie sich Barmädchen furchtbar verhalten und wie man mit ihnen umzugehen hat.

Saxophon Pub Bangkok
Saxophon Pub

Ja, ein neuer Musikclub, ein besonderes Restaurant, eine Kunstausstellung, auch das sind Themen, die einen männlichen Expat interessieren. Und deine negativistische Sicht auf das Land und Bangkok mit denen du Generationen von Newcomern mystifiziert hast, nimmt dir die neue Generation nicht mehr ab. Du beschreibt aus westlicher Optik das „Negative“ an den Thais, der Polizei, den Mädchen. Aber du hast den Grund für dieses Verhalten auch nach vielen Jahren in dieser Stadt nicht verstanden. Auch wir sehen das, aber wir fühlen uns hier als Gäste, genießen die Möglichkeiten, die uns Bangkok bietet: das Leben auf der Straße, die Leichtigkeit des Seins. In unserer kalten und durchorganisierten Heimat könnten wir niemals so leben. Dafür sind wir dankbar.

Die good old Days sind endgültig vorbei

Beliebtes Restaurant Hemingway's
Hemingway’s

Das Nachtleben in Bangkok ist heutzutage vielschichtiger, aber dafür auch anonymer geworden. Sportsbars an jeder Ecke, Weinbars, Coffee Shops, offene Restaurants, Musikclubs… Hunderte Möglichkeiten. Man mag das bedauern, der frühere Zeit, den good old days nachtrauern, wo alles seine Ordnung hatte, die Mädchen, die Stamm-Bars, die Expats…, und natürlich es war alles übersichtlicher und billiger. Ändern können wir daran nichts. Die Entwicklung geht weiter. Auch ich habe bittere Tränen geweint, als Bagger mein geliebtes Danny’s Corner in der Soi 22 zerstörten, Hemingway’s in der Soi 14 niederrissen und Cheap Charly in die ewigen Jagdgründe einging. Nichts für ungut Paul, bleibe uns noch lange erhalten. Deine Beträge und auch die der externen Autoren haben Legionen von Expats und Touristen einen wichtigen Teil der Stadt näher gebracht, manch einem gar die Augen geöffnet und vor Schaden bewahrt. Auch ich gehörte zu den treuen Lesern und schaue auch heute noch gerne vorbei.

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